Jahrgang 
102 (1999) / N.S. 53
Seite
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Literatur der Volkskunde

ÖZV LIII/ 102

Der vorliegende Text ist das Ergebnis einer mit Vorsicht und Ausdauerdurchgeführten intensiven Feldforschung. Es gelingt Sánchez Pérez, dieAtmosphäre, in der diese Untersuchung entstanden ist, in den Text einzuar-beiten und somit den Leser in die Vorstellung zu versetzen, wie wir Men-schen lernen, uns unbewußt in den Kulturräumen zu bewegen und wie wir-indem wir sie beleben- diese Räume mit Inhalten füllen.

Waltraud Müllauer- Seichter

HÄGELE, Ulrich( Hg.): Sinti und Roma und Wir. Ausgrenzung, Internie-rung und Verfolgung einer Minderheit.(= Kleine Tübinger Schriften, Heft25). Tübingen, Kulturamt, 1998, 232 Seiten.

Es kommt nicht von ungefähr, daß dieses Buch in Tübingen erschienen ist.Die Inhalte haben nämlich wesentlich mit dieser Stadt zu tun. ,, Dieses Buchwill zeigen, daß die menschenverachtende Politik der Nazis gegenüber denSinti und Roma nicht irgendwo in der Hauptstadt Berlin geplant wurde,sondern sich die Spuren der Beteiligten in vertraute Orte und Institutionenvon Dorf, Stadt und Region zurückverfolgen lassen( Vorwort, S.10). Belegedafür bietet das Buch genug. Der Hauptansatzpunkt des Sammelbandes, derinterdisziplinär erarbeitet wurde, liegt in den Jahren des Nationalsozialismusund der Zeit seiner Vorboten. Für die ,, Zigeunerforschung Glossar ::: zum Glossareintrag  Zigeunerforschung" war Tübingenein wichtiges Zentrum gewesen. Dort wurde bereits in den 20er Jahrentheoretisch und während des Nationalsozialismus auch praktisch an derpseudowissenschaftlichen Voraussetzung für den Völkermord an Sinti undRoma gearbeitet. Sowohl Robert Ritter als auch Eva Justin waren in Tübin-gen tätig. Die Beiträge von Anka Oesterle und Hans- Joachim Lang beschäf-tigen sich mit diesen beiden ,, wissenschaftlichen" Handlangern des Nazi-Regimes, zeigen die grausige Akribie auf, mit der gearbeitet wurde, wie auchdie völlige Uneinsichtigkeit aber gleichzeitige Blasiertheit und Verlogenheitder beiden in der Zeit der Entnazifizierung. Die Beiträge basieren teilweiseauf bisher nicht veröffentlichtem Material und sind ein wesentlicher Beitragdazu, die Mechanismen der Vernichtungsmaschinerie zu durchschauen. Daßdiese Forschungstradition in Tübingen auch noch eine Fortsetzung in derArbeit der Anthropologin Sophie Erhardt fand, die bereits mit Robert Ritterzusammengearbeitet hatte und von 1942 fortlaufend bis zu ihrer Pensionie-rung 1968 in Tübingen lehrte, ist kaum zu glauben, aber leider wahr. DasInterview mit Sophie Erhardt, das der niederländischen Zeitschrift ,, hei-dens" vom Mai 1983 entnommen ist, zeigt die völlige Verbohrtheit dieserFrau.