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Literatur der Volkskunde
ÖZV LIII/ 102
BOCKHORN, Petra: ,, Wien ist keine Stadt wie jede andere". Zum aktu-ellen Wien- Bild in deutschsprachigen Reiseführern. Frankfurt am Main,Peter Lang. Europäischer Verlag der Wissenschaften, 1997, 330 Seiten.
Die Welt wird kleiner, zum ,, globalen Dorf". Massen von Touristen füllendie Chartermaschinen. Wien erfreut sich ungebrochenen Zuspruchs unddementsprechend boomt auch die Reiseliteratur.
Petra Bockhorn hat 1994 ihre Diplomarbeit dem ,, aktuellen Wien- Bild indeutschsprachigen Reiseführern" gewidmet. Unter dem Titel„, Wien istkeine Stadt wie jede andere" ist sie bei Peter Lang, Europäischer Verlag derWissenschaften, erschienen. Das Résumé der Autorin: ,, Das Halbwissen,das Reiseführer vermitteln, trägt zum Verständnis der bereisten Welt nurwenig bei." Petra Bockhorn wünscht sich ein kritischeres und ehrlicheresGeschichtsbild, das die Schattenseiten der Lebenswirklichkeit nicht aus-schließt. Alltag, Gegenwart und Zukunft sollten ihren Platz haben, eineImagekorrektur wäre wünschenswert. Aber die Realität der Fremdenver-kehrswirtschaft( und des Verlagswesens) sieht anders aus. Geschäfte machtman mit dem Skurrilen, Geheimnisvollen und Klischeehaften. Das ver-meintlich ,, Echte“,„, Alte“,„, Volkstümliche" paẞt da besonders gut: ,, Manweiß, worauf man sich freut, wenn man Österreichs Hauptstadt besucht: aufgraziös tanzende Lipizzaner und goldene Klänge aus Knabenkehlen, auf dieSchätze des Habsburgerreiches(...) auf den wohligen Schauder, der von denHerrschaftssärgen in der Kapuzinergruft ausgeht, auf verspieltes Rokoko imSchloß Schönbrunn(...) und abends auf den Heurigen in Grinzing."( Hum-boldt- Reiseführer)
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38 Wien- Reiseführer hat die Autorin analysiert und ein Stadtimage ge-funden, das von Klischees, Sehenswürdigkeiten und( Herrschafts-) Ge-schichte( n) geprägt wird. Manche Formulierungen verleiten zu zynischenKommentaren. Aber so leicht hat es sich Petra Bockhorn nicht gemacht.
Im ersten Abschnitt geht es um Forschungszugang und Orientierung aufdem unbeackerten Feld der Reiseführer( 1984–1994). Die Autorin, die diebeiden Kulturwissenschaften Geographie und Europäische Ethnologie stu-diert hat, entschied sich für eine hermeneutische Textinterpretation. Beidiesem Forschungsgegenstand erschien ihr ,, disziplinierte Subjektivität" alsangemessenste Methode. Das zweite Kapitel- ,, Begriffe und Aspekte"-verrät vieles ,, über das schwierige Verhältnis von Kultur und Tourismus“.Stichworte sind etwa Städtetourismus, Wahrnehmung, Fotografie und,, Life- Seeing". Auch Alltagsleben und Freizeit- Folklore sind ja wesentlicheBestandteile der Besichtigungsprogramme in aller Welt. Im dritten Abschnittgeht es um das Medium Reiseführer. ,, Einst waren die Sterne im Baedekerdünn gesät, heute ist die ganze Welt ein einziger Stern."- und das schon