1999, Heft 3
Literatur der Volkskunde
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Hinweise zur Sprache der Kekse: aus dem Inhalt einer Keksschale, die füreine geschäftliche Besprechung hergerichtet wird, können Wertschätzungund Status der Teilnehmer/ innen abgelesen werden. Genauer untersuchtwerden von Karmasin auch Eisbecher( die sie als ,, das Kunstwerk deskleinen Mannes" bezeichnet), das ,, aggressive Fleisch" und die ,, friedlichenBeilagen“, die Ordnung auf dem Teller, verschiedene Zubereitungsmetho-den, Kantinenessen, Luxusrestaurants, Innovation und Tradition im Eẞver-halten, Nahrungsmittelängste und vieles mehr. Sogar der Katzennahrung istein eigenes kleines Kapitel gewidmet.
Trotz der genannten Mängel ist Karmasins Studie ein brauchbarer Beitragzu einer kulturwissenschaftlichen Nahrungsforschung, der die Küche derGegenwart in einer bemerkenswerten Breite auf ihre kulinarischen Codeshin untersucht und damit auch einmal mehr die starke Ausdifferenzierungaktueller Lebensstile vor Augen führt. ,, Die geheime Botschaft unsererSpeisen" ist insgesamt eine anregende Lektüre, die vielfältige potentielleForschungsfelder eröffnet.
Susanne Breuss
GIESKE, Sabine( Hg.): Jenseits vom Durchschnitt. Vom Kleinsein&Großsein. Marburg, Jonas Verlag, 1998, 96 Seiten, zahlr. Abb.
,, Das Extrem zieht uns an und läßt uns erschaudern", heißt es auf der hinterenUmschlagseite dieser ansprechend gestalteten Aufsatz- Sammlung zuGrößendimensionen ,, jenseits vom Durchschnitt“. Extreme in beide Rich-tungen, also ,, zu groß“ oder ,, zu klein“, bringen gewohnte Größenordnungendurcheinander und verunsichern daher, fallen auf, erregen Abscheu, aberauch Faszination. Die drei Beiträge des schmalen Büchleins beschäftigensich mit einer ,, Welt voller Quantensprünge“( Claude Lichtenstein), dem, Vergnügen am Extremen“( Petra Hoffmann) und dem idealen bürgerlichenPaar ,, Großer Mann und kleine Frau“( Sabine Gieske).
Claude Lichtenstein setzt sich mit Größe und Kleinheit als Eigenschaftauseinander und der Tatsache, daß Größe bzw. Kleinheit jeweils eine relativeAngelegenheit ist. Es gibt keine Größe oder Kleinheit schlechthin. Geradedarin liege der Grund, weshalb vom Großen und vom Kleinen eine solcheFaszination ausgehe. Anhand von Beispielen aus Literatur, Kunst und All-tagskultur geht Lichtenstein der Wahrnehmung der Wirklichkeit nach, dievom Maßstab abhängt, in dem wir die Dinge sehen. Die voluminösenPopcornkübel in amerikanischen Kinos sind voluminös nur im Vergleich zuden europäischen. Die Insel Lummerland in Michael Endes ,, Jim Knopf undLukas der Lokomotivführer“ ist zwar nur doppelt so groß wie eine Wohnung,