Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde102 (1999) / N.S. 53Brückner, Wolfgang: Ordnungsdiskurse in den Kulturwissenschaften

  
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Ordnungsdiskurse in den Kulturwissenschaften
Seite
457
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

Band LIII/ 102, Wien 1999, 457–497

Ordnungsdiskurse in den Kulturwissenschaften

Wolfgang Brückner

Anders als in Philosophie und Juristerei ist der Ordnungsbe-griff in den deutschen Geistes- und Sozialwissenschaften seitden 60er Jahren aus ideologischen Gründen weitgehend tabui-siert gewesen. Die historisch- politischen Hintergründe dafürwerden kurz benannt und danach zweitens das neutrale Phä-nomen der Normenausbildung am Beispiel der Mode erläu-tert. In einem dritten Schritt folgt die Untersuchung des Be-griffs der ,, Heiligen Ordnung" auf dem Lande in den Diskus-sionen der evangelischen Pastoraltheologie zu Beginn unseresJahrhunderts. Der vierte Abschnitt soll zeigen, wie sich daranseit den 20er Jahren in der sogenannten religiösen Volkskundedie Beschreibung ,, überlieferter Ordnungen" schloß, die manals historische Prägungen von langer Dauer ansah. Im 5.Kapitel wird die spätere wissenschaftliche Verfemung diesesBegriffsgebrauchs in der deutschen Volkskunde analysiertund im Schlußkapitel in das Diskurssystem des MichelFoucault eingeordnet. Als Fazit geht daraus hervor: ,, Ord-nung" ist kein Wert-, sondern ein Strukturbegriff für Organi-sationsformen jeglicher Art und darum in der wissenschaftli-chen Diskussion, die selbst jeweiligen Ordnungen folgt, nichtausschließbar, vielmehr ein zentraler Beobachtungsgegen-stand.

Abschiedsvorlesung und Abschiedsempfang, rituell erträglich ge-machter Abgang von der akademischen Hausbühne, das ist ein Stück,, Leben in überlieferten Ordnungen. Und doch gilt die Feststellung,, Man macht das halt so" erst seit wenigen Jahren wieder an einigendeutschen Universitäten. Dies hielt ,, man" nämlich vor genau dreiJahrzehnten für ,, Muff von tausend Jahren. Als daraufhin nach 1968

1 Dieser Text ist mit starken Kürzungen an der Universität Würzburg am 16.Februar 1998 vorgetragen worden und mit einer lokal bezogenen Schlußpassageversehen gewesen, die sich abgedruckt in den Bayer. Bll. f. Vkde. 25( 1998) H. 1,S. 7 f. findet. Am gleichen Ort S. 41-50 habe ich parallele Überlegungen zuAuseinandersetzungen um Leopold Schmidt publiziert.