1999, Heft 4
Literatur der Volkskunde
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FREVERT, Ute, Heinz- Gerhard HAUPT( Hg.): Der Mensch des 19. Jahr-hunderts. Frankfurt am Main, New York, Campus Verlag, 1999, 373 Seiten.
Der vorliegende Band versammelt Beiträge verschiedener europäischerHistoriker/ innen zum Menschen des 19. Jahrhunderts. Das Konzept dieserSammlung von gut zur Einführung in das jeweilige Thema geeignetenÜberblicksdarstellungen orientiert sich an der Auffassung vom ,, langen 19.Jahrhundert“, das mit der Französischen Revolution beginnt und mit demErsten Weltkrieg endet. Der Blick richtet sich dabei auf den europäischenKontext, der Zeitraum zwischen 1789 und 1914 wird als ein bürgerlichesund europäisches Zeitalter betrachtet. Die Entwicklung der europäischenGesellschaften von Agrar- zu Industriegesellschaften stellt sozusagen dieRahmenhandlung dar, innerhalb derer einzelne ökonomische, politische,soziale, religiöse und kulturelle Entwicklungsstränge anhand konkreter Per-sonengruppen dargestellt werden. Die 13 Kapitel des Buches sind jeweilseinem Sozialtyp gewidmet. Es sind dies: der Arbeiter( Vincent Robert), derUnternehmer und Manager( Youssef Cassis), der Ingenieur( Sylvie Schweit-zer), der Arzt( Oliver Faure), die Gläubige( Michela de Giorgio), dasDienstmädchen( Gunilla- Friederike Budde), die Lehrerin( Claudia Huer-kamp), der Staatsbürger( Gérard Noiriel), der Migrant( Frank Caestecker),die Großstadtmenschen( Friedrich Lenger), der Künstler( Ute Frevert), derAdelige( Giovanni Montroni) und der Bauer( Heinz- Gerhard Haupt, Jean-Luc Mayaud). Auf einen Anmerkungsapparat wurde verzichtet, jedes Kapi-tel ist jedoch mit weiterführenden Literaturhinweisen versehen.
Der Anspruch, eine europäische Perspektive einzunehmen, konnte in deneinzelnen Kapiteln nicht immer umfassend realisiert werden: die Schwer-punkte der Darstellung liegen in der Regel auf einigen ausgewählten- meistwest- und mitteleuropäischen – Ländern, mit dem Versuch, die Bedeutungvon wegweisenden Nationen in die Darstellung zu integrieren. Gerade dasBestreben, die unterschiedlichen bzw. gemeinsamen Entwicklungen euro-päischer Länder aufzuzeigen, relativiert so manchen hartnäckigen Mythos-wie z.B. jenen vom oft als grundsätzlich konservativ beschriebenen Bauern.Die Tatsache, daß einige der Kapitel mit einer- bereits am Titel erkennba-geschlechtsspezifischen Perspektive angelegt sind, macht deutlich,wie stark das 19. Jahrhundert in Hinblick auf Entwicklungen wie Individua-lisierung, Segmentierung, Beschleunigung etc. entlang der Geschlechterli-nie ,, halbiert war. Aufschlußreich ist z.B. Michela de Giorgios Darstellungder sich im 19. Jahrhundert vollziehenden Feminisierung des Katholizismus.Dieses Kapitel ist darüber hinaus auch vorzüglich geeignet, einer in denletzten Jahren relativ vernachläßigten volkskundlichen ReligionsforschungImpulse zu vermitteln.
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