Jahrgang 
102 (1999) / N.S. 53
Seite
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Literatur der Volkskunde

ÖZV LIII/ 102

Blick sein kann, beweist der Autor in seiner Dekonstruktion von Naturro-mantik, die sich etwa im Bild von der ,, Schönen blauen Donau" manifestiert.Hörz verknüpft die Interpretation des Funktionswandels des Wiener Donau-raums vom Nutz- hin zum Freizeitraum mit der Analyse des Wandels derNaturwahrnehmung und belegt mit verschiedenen Beispielen die These, der-zufolge die Romantisierung von Natur auf der vorangegangenen Enkulturationdes Naturraums beruht.- Eine These, die in der Arbeit mit viel empirischemMaterial belegt wird und gerade dadurch an Originalität gewinnt, weil hier sounterschiedliche Aspekte wie Ökologie, Technikgeschichte, Städtebau, Sied-lungspolitik, Sittengeschichte auf verschiedenen methodologischen Deutungs-ebenen miteinander verknüpft werden. Dieser mehrdimensionale Blick auf denNaturraum relativiert kulturpessimistische Deutungsmuster, die in der Zivilisie-rung der Natur allein ihre Zerstörung sehen, und kommt zu dem Fazit, daß diezivilisationskritische Romantisierung der Natur den Blick auf die ökologischenProbleme trübt und deren Lösung im Wege steht. In diesem Sinne läßt sich auchder Titel des Buches ,, Gegen den Strom" als Impetus verstehen, gängigeRomantisierungstendenzen von Natur historisch gegen den Strich zu bürsten.

Wollte man Ansätze zur Kritik suchen, dann müßte man vor allem wohldie Selbstbeschränkung in der Verwendung bereits aufgearbeiteten Quellen-materials anführen. Hörz zitiert fast ausschließlich aus einschlägiger Litera-tur zum Wiener Donauraum und verzichtet auf eine Sichtung archivalischerQuellen. Die Stärke der Studie liegt in der methodischen Relektüre vonReiseführern, Stadtgeschichten und Stadtplanungsakten, deren Quellen-grundlage vor dem Hintergrund der Elias'schen Thesen zum ,, Zivilisations-prozeß neu interpretiert wird. Hier wäre es wegen der unvermeidlichenRedundanzen sinnvoller gewesen, das letzte Kapitel ,, Natur und Kultur", indem eine explizite methodische Auseinandersetzung mit dem Zivilisations-theoretiker stattfindet, in den empirischen Teil der Arbeit zu integrieren. Diestut aber der Qualität der Studie keinen Abbruch, deren Methodenpluralismusauch für die Rekonstruktion historischer Wahrnehmungsmuster und Zivili-sierungsstrategien anderer Naturräume empfohlen sei.

Ralph Winkle

EBBERFELD, Ingelore: Botenstoffe der Liebe. Über das innige Verhält-nis von Geruch und Sexualität. Frankfurt am Main, New York, CampusVerlag, 1999, 2. Aufl. 252 Seiten. 45 S/ W- Abb., 15 Tabellen.

Jean- Baptiste Grenouille, der geruchsbesessene Held ohne eigenen Körper-geruch in Patrick Süskinds Roman ,, Das Parfum", schwärmte von einer