1999, Heft 4
Literatur der Volkskunde
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VISSER, Margaret: Mahlzeit! Von den Erfindungen und Mythen, Ver-lockungen und Obsessionen, Geheimnissen und Tabus, die mit einem ganzgewöhnlichen Abendessen auf unseren Tisch kommen.(= Die andere Biblio-thek, Bd. 166). Frankfurt am Main, Eichborn Verlag, 1998, 320 Seiten, Abb.
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, Was gibt's heute abend zu essen?" Diese Frage stellt am Beginn ihresBuches die an der York Universität in Toronto lehrende Margaret Visser, alsderen Hauptinteressensgebiet ,, Anthropologie des Alltagslebens" angege-ben wird. So banal die Frage klingt, so weitreichend sind die Folgen undBedeutungen der täglich getroffenen Entscheidung über Art und Zusammen-setzung des Abendessens. ,, Much depends on dinner" lautet dementspre-chend auch der Titel der bereits 1986 erschienenen amerikanischen Origi-nalausgabe. Nachdem Visser jahrelang ihren Fragen über das Essen nachge-gangen war, wollte sie ein unterhaltsames Buch darüber schreiben und esnach den Bestandteilen eines Menüs gliedern. Zum Abendessen serviert siealso: Vorspeise( Maiskolben mit Salz und Butter), Hauptspeise( Hühnchenmit Reis), Beilage( grüner Salat mit Olivenöl und Zitronensaft) und Nach-speise( Eiscreme). Das Menü wurde so zusammengestellt, daß es möglichstviele Menschen unterschiedlichster Kulturen anspricht. In diesem Abendes-sen- genausogut könnte es sich aber auch um ein Mittagessen handeln-sind alle Kontinente, viele Länder und alle Gruppen von Nahrungsmittelnvertreten: Gemüse, Grundnahrungsmittel, Fleisch, rohe Blätter, Früchte,Milch, Süßmittel, Pflanzenöl, Butter und der Mineralstoff Salz. Ausgehendvon den Bestandteilen dieses Menüs schlägt die Autorin einige spannendeKapitel aus der Kulturgeschichte der Nahrung auf.
Ein unterhaltsames Buch über das Essen zu schreiben, ist Margaret Vissergelungen ohne daß es deshalb oberflächlich oder unseriös geworden wäre.Wenn der schön gestaltete Band auch kein streng wissenschaftliches Werk ist,so manifestiert sich sein anregender Charakter doch nicht nur auf der kulinari-schen Ebene, sondern auch auf der kulturwissenschaftlichen. Faszinierend istes zum Beispiel, wie sie auf gut 30 Seiten die vielfältige kulturelle Bedeutungvon Mais darlegt. Sie beschreibt den Mais als die geheime Antriebskraft einesnordamerikanischen Supermarktes: in ihm gibt es nichts, was nicht in irgendei-ner Weise aus Mais besteht oder mit Mais in Berührung gekommen ist. DieseBehauptung der Autorin ruft zunächst einmal augenblicklich Widerspruchhervor, dieser löst sich jedoch Seite für Seite auf und macht der erstaunten FragePlatz, wieso uns das eigentlich nicht schon früher jemand erzählt hat. Gerade indiesem Kapitel wird deutlich, wie sehr und wie vielfältig eine Pflanze die Kulturprägen und wie weitreichend sich ihre Nutzung gestalten kann.
Das Besondere an Margaret Vissers Buch über das Essen bzw. einzelneNahrungsmittel liegt weniger in der Präsentation neuer Fakten etc., sondern