1999, Heft 4
Literatur der Volkskunde
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met, dem wir die Tradition mancher lehrhafter Novellen und Exempel, aberauch Märchen zu verdanken haben.
Es folgt ein Abschnitt über das früheste Ritterbuch, das wir unter demTitel ,, Libro del Cavallero Zifar“ kennen, und aus dem wir nicht nur dieWirkung im Vorgelesen- Werden ersehen, genauso finden wir dort früheBelege für manche noch heute beliebte Volkserzählungsmotive.
Das Buch setzt sich fort in verschiedenen Abschnitten über die formalenund dichterischen Gestaltungen- auch die gereimten Exempel- und in einergehaltvollen Darstellung der Rezeption, welche diese geschriebenen Novel-len in der oralen Tradition Europas gefunden hat. Wir begegnen dabei nichtnur Motiven wie der ,, Griselda“ oder dem ,, Mädchen mit den abgehauenenHänden", sondern auch burlesken und erotischen Schwänken wie dem vonder Frau, die sich – jüngst verheiratet- über die Kleinheit des Penis ihresGatten beschwert( S. 374). So manches Motiv haben später Bocaccio undandere italienische Novellisten aufgegriffen.
Neben den schon erwähnten wichtigen Indizes umfaßt das Buch auch eineausführliche Bibliographie( 37 Seiten) sowie ein Vorwort von MaximeChevalier. Man darf auf den zweiten Band dieses Opus gespannt sein.Wissenschaftlich ist es zweifellos eine ausgezeichnete Leistung.
Felix Karlinger
SOLMS, Wilhelm: Die Moral von Grimms Märchen. Darmstadt, PrimusVerlag/ Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1999, 249 Seiten.
Im Hinblick auf die Frage, ob die Grimm'schen Kinder- und Hausmärchen( KHM) ,, so etwas wie einen Sinn, eine Lehre oder eine moralische Botschaftenthalten“( S. 3), stellt der Autor, Professor für Neuere Deutsche Literaturan der Universität Marburg/ Lahn, zwei grundlegende Forschungsmeinun-gen heraus: Auf der einen Seite insbesondere die der Psychologen undPädagogen, welche Märchen unter dem Blickwinkel des therapeutischenoder erzieherischen Nutzens betrachten würden, dabei aber nicht vom Mär-chen ausgingen, sondern die eigene Theorie an sie herantrügen, auf deranderen Seite die der Volkskundler, Germanisten und Linguisten, welchelehrhafte Tendenzen bestritten bzw. als Zusätze ansähen, die auf die Bear-beitung durch Wilhelm Grimm zurückgehen. Demgegenüber ist es Solms'Anliegen, ausgehend von der Märchentheorie der Brüder Grimm ,, die, guteLehre oder die, spezifische Moral"( S. 5) der KHM herauszuarbeiten, näm-lich gleichzeitig ,, nützen und erfreuen“ zu wollen- und zwar anhand derEigenschaften, welche die Märchenhelden in den Erzählungen verkörpern.