1999, Heft 4
Literatur der Volkskunde
585
chens(...) zugunsten eines festen Rahmens zurückgenommen, die vieldeu-tige Symbolik des Märchens in falsche Eindeutigkeit überführt“.
Dennoch verdient das Buch Aufmerksamkeit; es ist anregend, weil pro-vokant, denn auf jeden, der sich mit Märchen befaßt – von den Tiefenpsy-chologen bis zu den Volkskundlern-, wird eine geballte Ladung an Kritikabgefeuert, mit der man sich auseinandersetzen kann, weil sie hilft, deneigenen Standpunkt zu überdenken und ihn dergestalt zu modifizieren oderzu festigen. In einer Neuauflage sollte die Arbeit allerdings um ein Litera-turverzeichnis ergänzt werden.
Bernd Rieken
Anmerkungen
1 Lüthi, Max: Das europäische Volksmärchen. 9. Aufl. Tübingen 1992, S. 79.
2 Bausinger, Hermann: Märchen. In: EM, Bd. 9, Lieferung 1. Berlin/ New York1997, Sp. 264.
3 Vgl. Lüthi( wie Anm. 1), S. 13-24.
4 Bausinger( wie Anm. 2), Sp. 262.
PROULX, E. Annie: Das Grüne Akkordeon. Roman. Aus dem Amerika-nischen von Wolfgang Krege. München- Zürich, Diana, 1998, Taschenbuch,670 Seiten.
Das wäre der Traum jedes Sachvolkskundlers, das Schicksal eines Musikin-strumentes über einen Zeitraum von mehr als hundert Jahren zu kennenbis ins kleinste Detail Bescheid zu wissen über seinen Ursprung, alleVeränderungen und Benutzungsspuren deuten zu können. All das kann nurein Roman erzählen – und darüber hinaus noch die Lebensgeschichten, jasogar die ganzen Familiengeschichten der vielen Menschen, welche dasGeschick eines Akkordeons bestimmt haben. Das grüne Akkordeon wird1890 von einem Sizilianer gebaut, der es in die Neue Welt mitnimmt. Esgelangt in den Besitz von Einwanderern unterschiedlichster Herkunft, die esalle für ihren Musikstil adaptieren. Nein, nicht allen gelingt dies: Das Schöneist, daß hier nicht nur von Virtuosen erzählt wird, das Instrument wird auchvon unmusikalischen Menschen gespielt. Die einfühlsamen Schilderungenvon Dilettanten gehören für mich zu den köstlichsten Passagen des Buches.
Die zunehmende Qualitätsminderung und der sich wandelnde musikali-sche Geschmack führen dazu, daß das Instrument immer weniger benütztwird, bis es letztlich bei der Müllabfuhr landet und von Kindern zertretenwird. Die langsame Abwertung spiegelt sich darin wider, daß es für das