Jahrgang 
101 (1998) / N.S. 52
Seite
35
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

Band LII/ 101, Wien 1998, 35-43

Die slowakische Volkskunde im Kontext der nationalenBewegungen Österreich- Ungarns

von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis 1918

Gabriela Kiliánová

Die Autorin behandelt die Entstehung nationaler Ideologienim Rahmen der Modernisierungsprozesse in Europa und de-ren Einfluß auf die Sozial- und Kulturwissenschaften, imSpeziellen auf die Volkskunde. Sie beschreibt kurz die Ent-wicklung der Volkskunde als selbständige wissenschaftlicheDisziplin in der Slowakei seit dem ausgehenden 18. Jahrhun-dert. Der Beitrag konzentriert sich auf die Periode der zweitenHälfte des 19. Jahrhunderts, in der die Volkskunde von dernationalen slowakischen Intelligenz getragen war. Volkskund-lich- wissenschaftliche und national- aufklärerische Tenden-zen gingen dabei Hand in Hand. Die Arbeit erschöpfte sichhauptsächlich in Sammelaktivitäten, die sich in der Regel demspontanen Interesse Einzelner für die traditionellen Formender Volkskultur in der Slowakei verdankten. Ende des 19. undAnfang des 20. Jahrhunderts, als die Slowaken um ihre natio-nale Existenz rangen, glich die Volkskunde eher einer ArtHeimat- oder Vaterlandskunde, und es entstanden jene großenSammlungen, die bis heute zu den wichtigsten Quellen derKenntnisse über die traditionelle Volkskultur in der Slowakeizählen.

Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts begann eine neue Ärain der Geschichte Europas, die mit tiefgreifenden Veränderungen imLeben der Menschen und in der Organisation der Gesellschaft ver-bunden war. Die Modernisierungsprozesse auf dem Kontinent führtenzu einem grundsätzlichen Wandel der Lebensweise unserer Vorfahrenund zu einer bislang nicht dagewesenen Mobilität im geographischenwie auch sozialen Raum. Neue Werke europäischer Denker, in denenmoderne intellektuelle Strömungen reflektiert, auf revolutionäre ge-sellschaftliche Bewegungen reagiert bzw. diese vorausgeahnt undmanchmal auch beschleunigt wurden, stellten Themen über dasmenschliche Individuum und seine Beziehungen zur Gesellschaft in