Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
Band LII/ 101, Wien 1998, 81-100
Chronik der Volkskunde
Ethnographisches Wissen als Kulturtechnik
Bericht über eine Tagung des Internationalen ForschungszentrumsKulturwissenschaften in Wien und des Instituts für Volkskunde derUniversität Wien vom 6.- 8. November 1997
Unter dem programmatischen Titel„ Ethnographisches Wissen als Kultur-technik" fand Anfang November 1997 eine wissenschaftliche Tagung imInternationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften( IFK) statt. Kon-rad Köstlin hielt den Eröffnungsvortrag. Dabei unterstrich er den gesteiger-ten Bedarf an Deutungsinstanzen in der Moderne; eine Aufgabe der Ethno-wissenschaften könnte in diesem Sinne die Unterstützung alltäglicherSelbstreflexion sein. Köstlin konstatierte eine generelle„, Tendenz zurVer( kultur) wissenschaftlichung des Alltags“: Dieser These gemäß sind zahl-reiche ethnographische Interpretationsmuster bereits zu einem fundamenta-len Bestandteil moderner Lebenswelten transformiert worden. Ethnographi-sches Wissen fließt zum Beispiel in die strategische Planung des österrei-chischen Bundesheeres ein und besitzt generell als reichhaltige Ressourceeinen hohen Marktwert. Die Alltagssprache nähert sich mitunter verblüffendethnographischer Diktion an. Köstlins Streifzug durch die Welt aktuellerMassenkultur – vom„ einschmeichelnden Nationalismus“( diese Formulie-rung prägte Orvar Löfgren) über Volksmedizin, Wandersagen und interkul-turelle Kommunikation bis zur Massenhysterie um den Tod von PrinzessinDiana hatte bisweilen den sprunghaften, aber auch intensiven Charaktereines ,, Videoclip“. Der Vortrag weckte Neugier auf die folgenden beiden
Tage.
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Bedeutende RepräsentantInnen des Faches Volkskunde( EuropäischeEthnologie, Empirische Kulturwissenschaft etc.) aus Österreich, Deutsch-land, der Schweiz, den Niederlanden, aus Ungarn und den USA waren unterden TeilnehmerInnen. Die Räumlichkeiten des IFK beschränkten leider denRahmen der Veranstaltung sehr. Die Tagung wurde kaum beworben und erstim Nachhinein durch eine Radiosendung publik gemacht. Unter diesenVoraussetzungen konnte es auch zu keinem interdisziplinären Austauschkommen: VolkskundlerInnen blieben unter sich. Der kleine Hörsaal war stetsbis auf den letzten Platz belegt. Erfreulich war das während der gesamtenTagung anhaltend große Interesse aller TeilnehmerInnen und Gäste.