Jahrgang 
101 (1998) / N.S. 52
Seite
85
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1998, Heft 1

Chronik der Volkskunde

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Grenzregion als Erfahrungsraum

Grenzüberschreitende Begegnungen in der deutsch- tschechischenNachbarschaft

Unter dem Titel Grenzregion als Erfahrungsraum" fand vom 14. bis 16.November 1997 in Bad Alexandersbad, Bayern, nahe der Grenze zu Tsche-chien, eine Wochenendtagung statt. Gemeinsam mit der Koordinationsstellefür den deutsch- tschechischen Jugendaustausch, dem Studienkreis für anti-kes Erbe und europäische Kultur sowie der Stiftung Europäisches Comeni-um( Cheb/ Eger) organisierte die örtliche Evangelisch- Lutherische Heim-volkshochschule diese Veranstaltung. Der Untertitel, GrenzüberschreitendeBegegnungen in der deutsch- tschechischen Nachbarschaft" charakterisiertdie Tagung präzise von der Konzeption her nicht streng auf wissenschaft-liche Inhalte ausgerichtet, sondern breiter angelegt. Es fanden sich tatsäch-lich vor allem Nachbarinnen und Nachbarn ein, und für Außenstehende warinsbesondere interessant, diese Begegnungen zu beobachten.

Nach der ersten Euphorie über die Öffnung der Grenzen 1989 ist nunErnüchterung eingetreten, und die Zeit der übertriebenen Höflichkeit sofaẞte am Ende des Wochenendes Joachim Twisselmann, einer der Veranstal-ter, zusammen- sei vorbei, man könne nun sachlich miteinander sprechenund umgehen, und: Differenzen dürfen sein. Die Konkurrenz der Interessender GrenzbewohnerInnen hüben und drüben wird deutlich, wenn auf derTagung eine Streetworkerin aus Cheb( Eger), die Prostituierte betreut, einelokale Trafikantin, die um ihren florierenden Zigarettenhandel fürchtet, derDirektor des nächsten Arbeitsamtes und VertreterInnen tschechischer Ju-gendgruppen zusammentreffen. Auch die Diversität der GrenzbewohnerIn-nen- die oft als so einheitliche Gruppe gesehen werden, unterschieden nurnach dies- und jenseits der Grenze- wurde offensichtlich.

Die geladenen Vortragenden einerseits und das Auditorium andererseitsgaben der gesamten Tagung eine Orientierung hin zum Praktischen. Der alsPodiumsdiskutant anwesende Zollbeamte legt Broschüren auf, die über Ein-und Ausfuhrbestimmungen informieren, und ein Veranstalter von Begeg-nungsreisen"- Fahrradtouren im Grenzgebiet und in die Tschechische Repu-blik- weist auf mitgebrachte Prospekte hin. Bei den wissenschaftlichen Vor-trägen gaben sich die GestalterInnen Mühe, verständlich zu sein. KatharinaEisch, und das führt uns dann nochmals zu den Teilnehmerinnen und Teilnehmernder Tagung, nützte in ihrem Vortrag die Gelegenheit, Ergebnisse ihrer Forschungendorthin zurückzutragen, woher sie kommen. Mehrfach wurde eine ungewohnteForm der Präsentation gewählt- etwa diente als Einführung zur Podiumsdiskus-sion am letzten Tag eine lebhafte, mit Witz kommentierte Diaschau.

Viele TeilnehmerInnen, auch unter den KulturwissenschaftlerInnen, Mu-seumsfachleuten und BildungsarbeiterInnen, gehörten zu direkt Betroffe-