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Literatur der Volkskunde
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Mit diesem Buch und den darin angeführten Materialien wird- so ist zuhoffen die Ethnologie erneut in das Bewußtsein einer breiteren Öffentlich-keit Eingang finden. Miẞgönner könnten bemerken, daß es nicht notwendigsei, alte Wunden wieder aufzureißen und negative Zeugnisse über die Gesell-schaft hervorzuholen. Das aufrichtige Bestreben des Autors nach Objektivitätist jedoch unübersehbar, und in diesem Lichte dürfte das Buch auch einenläuternden und nicht nur einen dokumentarischen Charakter haben.
Es fällt nicht leicht- und man setzt sich vielleicht auch dem Vorwurf derUnsensibilität aus –, wenn man abschließend anmerkt, daß sich das Buchneben allen seinen übrigen Vorzügen auch„ gut liest“. Es sei, unabhängigvon der traurigen Thematik, die hier behandelt wird, dennoch gesagt.Daniel Luther
Grabner, Elfriede: Krankheit und Heilen. Eine Kulturgeschichte der Volks-medizin in den Ostalpen.( 2., korrigierte und um eine Einleitung erweiterteAuflage der 1. Auflage 1985, erschienen unter dem Titel„ Grundzüge einerostalpinen Volksmedizin"(= Österr. Akademie d. Wissenschaften- Philoso-phisch- Historische Klasse, Sitzungsberichte, 457. Bd., Mitt. des Instituts fürGegenwartsvolkskunde, Nr. 16). Wien, Verlag der Österreichischen Akade-mie der Wissenschaften, 1997, 289 Seiten, 40 Bildtafeln.
Exotische Glossar ::: zum Glossareintrag Exotische Alternativen zur europäischen Schulmedizin sind zur Zeit belieb-ter Gegenstand der Aufmerksamkeit eines an Sachlichkeit erkrankten Publi-kums. So kann auch die zweite Neuauflage der 1985 erschienenen ,, Grund-züge einer ostalpinen Volksmedizin" im Zusammenhang mit dem gestiege-nen Interesse an irrationalen Zugängen zur Wirklichkeit gelesen werden undvorweg gesagt sein, daß Grabner, die ihre Arbeit um eine kommentierteBibliographie neuerer Erscheinungen zum Thema„, Volksmedizin" erweiterthat, der aktuellen Bedürfnislage gerecht wird.
Das Buch handelt- in fünf Abschnitte gegliedert( ,, Krankheitsvorstellun-gen" ,,, Krankheitsfindung: Diagnose und Prognose“,„ Krankheitserklä-rung" ,,, Schutz- und Heilmittel“ und„, Empirische und magische Heilprakti-ken") exemplarisch das Thema ,, Volksmedizin“( oder„ Ethnomedizin“) ab.Bei der Definition des Begriffs folgt sie in ihrer Einleitung am ehesten dersehr allgemeinen von Joachim Sterly aus dem Jahr 1971. Der meinte:,, Ethnomedizin oder Ethnoiatrie ist keine Disziplin der Schulmedizin, janicht einmal eine eigene wissenschaftliche Disziplin. Sie wäre anzuspre-chen als interdisziplinärer Bereich zwischen Ethnographie oder Ethnologieund Medizin. Streng genommen befaßt sie sich mit der Krankheits- undHeilkunde, die nicht wissenschaftlich im Sinne der akademischen Medizin