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Literatur der Volkskunde
ÖZV LII/ 101
regional eingegrenzten„, ostalpinen“ Volksmedizin herauszuarbeiten. Eben-sowenig achtet sie auf den empirisch erfaßten medizinischen Aussagewertder dargestellten Heilmethoden- was womöglich auch nicht Aufgabe einesEthnologen sein muß. Die fehlende Auseinandersetzung mit heutiger Volks-medizin, also mit nicht- akademischen Zugängen und Vorstellungen zuKrankheit und Heilen, ist da vielleicht schon eher der seinerzeitigen Redaktionder ,, Mitteilungen des Instituts für Gegenwartsvolkskunde“ vorzuwerfen.
Letztlich ist das Buch ein mustergültiges Beispiel für eine deliziöseVolkskunde, die das Gesichtete in aller Sachlichkeit ordnet. Das ist zugleichdas Verdienstvolle des Werkes, das über präzise Quellenangaben verfügt,umfangreiches Material aus verstaubten Archiven und Büchern veröffent-licht und über einen klaren, flüssig lesbaren Aufbau verfügt- im Wahrsinnalso mitteilsam ist. Es handelt sich um ein Buch, das die Fragen zwar nichtaufwirft, ihrer Beantwortung aber durch die Preisgabe einer Fülle vonMaterial dienlich sein könnte.
Walter Trübswasser
McLoughlin, Barry, Hans Schafranek und Walter Szevera: Aufbruch Hoff-nung Endstation. Österreicher und Österreicherinnen in der Sowjetunion1925-1945(= Österreichische Texte zur Gesellschaftskritik, Band 64).Wien, Verlag für Gesellschaftskritik, 1997, 718 Seiten.
Die junge Sowjetunion erschien vielen als das gelobte Land. Sie stand imMittelpunkt des Interesses von Menschen unterschiedlicher beruflicher undweltanschaulich- politischer Herkunft: Künstler, Intellektuelle, Arbeiter, So-zialdemokraten, Kommunisten und Schutzbündler. Die Geschichte ihrerEmigration in das ,, Vaterland aller Werktätigen" ist im angezeigten Werk aufüber 700 Seiten umfassend und beeindruckend, ja schockierend dargestellt.Schon in den ersten Jahren nach dem Bürgerkrieg setzte der später sobenannte„ Revolutions- Tourismus“ ein, der nach und nach zu einem wich-tigen Propagandainstrumentarium der jungen Sowjetunion wurde. In Formvon„ Delegationen“ bereisten sozialdemokratische und kommunistischeArbeiter und Funktionäre das Land. Sie spielten von der ersten bis zurletzten Minute, die sie auf russischem Boden verbrachten- die Rolle vonMarionetten: Eine nach der anderen wurden die Kulissen im Hintergrundverschoben, das arbeitende Volk gab die Statisten ab, man ließ den Ahnungs-losen keine Sekunde Zeit zum Nachdenken und bluffte sie mit scheinbarenWahlmöglichkeiten und Zufälligkeiten, mit der Anwesenheit der Polit- Eliteund mit ,, spontanen“ Kontakten zu„ einfachen, russischen Arbeitern". Un-zählige Versammlungen, Treffen, Betriebsbesichtigungen, Diskussionen so-
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