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Literatur der Volkskunde
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ÖZV LII/ 101
Ungenügend bearbeitet scheint mir die Situation der Frauen, seien esArbeiterinnen oder Ehefrauen/ Lebensgefährtinnen, die nicht in den Fabri-ken beschäftigt waren und wie zu Hause auch Haushalt und Kindermanagten, was garantiert keine leichte und, soziologisch gesehen, auchkeine uninteressante Aufgabe war. Auch der Umgang mit den mitgenomme-nen oder bereits in der Sowjetunion geborenen Kindern, die sozialen Kon-takte auf Grund des Nachwuchses, die Kinderbetreuungseinrichtungen unddas Schulsystem verdienten doch wohl eine ebenso eingehende Betrachtungwie die Strukturen von Kantinen, Klubs und das von Männern frequentierteSchulungssystem. Einer der Autoren deutet diesen Themenbereich an undweist auf die schwierige Quellenlage hin: Nicht der KPÖ beigetreteneLebensgefährtinnen oder Ehefrauen oder ihre russischen Kolleginnen seienarchivalisch kaum oder gar nicht faẞbar.
Sehr interessant ist die jeweilige Einstellung der offiziellen österreichi-schen Stellen, die im Laufe der Jahre keine klare Linie verfolgten und zudemnach dem Anschluß an Deutschland den potentiellen Feind repräsentierten.In fast allen Kapiteln arbeiteten die Autoren diesen Punkt heraus, der für somanche Emigranten ihre ohnehin verzweifelte Lage nur noch hoffnunglosermachte. Auch die Heimkehrer konnten oft mit keinerlei Unterstützung oderAnerkennung von Haft- oder Arbeitszeiten rechnen, da ihnen Papiere fehltenoder sich der Kontakt mit den sowjetischen Behörden als langwierig heraus-stellte, und oft waren sie in Österreich erneut mit Arbeitslosigkeit konfron-tiert. Trotzdem dürften sich zumindest die ersten Heimkehrer und Ausge-wiesenen relativ rasch in die österreichische Gesellschaft reintegriert haben.
„ Es sind nur wenige Fälle bekannt, die nach ihren Erfahrungen in derSowjetunion weiterhin Propaganda für den Sozialismus betrieben.“( S. 157)Und viele spätere Heimkehrwillige fanden sich in der fatalen Situation,beiden Seiten lästig zu fallen und zwischen zwei Übeln wählen zu müssen:Auslieferung an die Gestapo oder Einlieferung in den GULag- was war daskleinere?
Alice Thinschmidt
Norman, Karin: Kindererziehung in einem deutschen Dorf. Erfahrungeneiner schwedischen Ethnologin. Mit einem Vorwort von Bernhard Floßdorfund einem Nachwort von Werner Schiffauer. Aus dem Englischen vonWalmot Möller- Frankenberg. Frankfurt am Main/ New York, Campus Ver-lag, 1997, 254 Seiten, Abb.
,, Linden“ nennt Karin Norman, Ethnologin und Dozentin für Sozialanthro-pologie an der Universität Stockholm, das 1200 Einwohner und Einwohne-