Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
Band LII/ 101, Wien 1998, 151-168
Kroatien und der Balkan
Volkskultur- Vorstellungen- Politik
Dunja Rihtman- Auguštin
Die traditionelle kroatische Volkskunde hat sich mit den Vor-stellungen und Bildern des„ ,, Balkans" in der kroatischenVolkskultur kaum beschäftigt. Heutige Untersuchungen überden derzeit in Kroatien geführten politischen Diskurs und indiesem Zusammenhang auch über thematisch einschlägigeWerke einiger kroatischer Schriftsteller zu Beginn des 20.Jahrhunderts zeigen, daß nach wie vor sehr unterschiedlicheZugänge zu Begriff und Inhalt des ,, Balkans" existierenEinstellungen, die von schwärmerischer Bewunderung bis zuAblehnung und Verdammung reichen. Eine ganz spezielleInterpretation einer ,, Balkan- Mentalität" hat dabei der kroati-sche Schriftsteller M. Krleža geboten. Im Anschluß an Gedan-ken der bulgarischen Historikerin Maria Todorova wird ge-zeigt, wie die heute in Kroatien vorherrschenden Vorstel-lungen über den Balkan dazu dienen, innenpolitische Diffe-renzen zu markieren und alte Grenzen neu zu ziehen.
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Der Fall des Sozialismus hat in euphorischer Stimmung zu demgeführt, was Maoz Azaryahu ,, die Umbenennung der Vergangenheit“genannt hat, und auch die neuen Machthaber in Kroatien-wie in allenübrigen ehemals sozialistischen Staaten sind daran gegangen, dieNamen von Straßen und Plätzen, von öffentlichen Einrichtungen,Fabriken und Wirtshäusern, von all dem, was an die jüngste Vergan-genheit hätte erinnern können, zu verändern. Fast unbemerkt ist so inZagreb auch das bedeutendste städtische Filmtheater umbenannt wor-den: Das Kino meiner Jugend,„ Balkan“, trägt nunmehr stolz denNamen ,, Europa“.
1 Azaryahu, Maoz: Die Umbenennung der Vergangenheit. Oder: Die Politik dersymbolischen Architektur der Stadt Ost- Berlin 1990-1991. In: Zeitschrift fürVolkskunde 88, 1992, S. 16–29.