Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band LII/ 101, Wien 1998, 169–190
Zwischen Gedächtnis und Innovation
Totenkult und Todesvorstellungen in derostmitteleuropäischen Gesellschaft*
Gabriela Kiliánová
Kulturelle Erscheinungen, die mit dem Tod verbunden sind,stellen im Kultursystem oft eine archaische Schicht dar undunterliegen weniger als andere Elemente Veränderungen undInnovationen. Als Phänomene der longue durée bieten sie einlohnendes Forschungsfeld, anhand dessen sich Fragen nachdem kollektiven Gedächtnis stellen lassen. In den LändernOstmitteleuropas kann man gegenwärtig einen einschneiden-den Wandel im Totenkult beobachten, hat doch der Prozeß derModernisierung hier zum Teil erst während des 20. Jahrhun-derts viele Bereiche des Alltags erfaßt. Hinzu kamen dieEinflüsse des totalitären kommunistischen Regimes auf dasalltägliche Leben. Die Autorin fragt nach den Wandlungen inden Einstellungen zum Tod im Übergang von den sogenann-ten traditionellen in die modernen Gesellschaften. An einemkonkreten Beispiel- den bildlichen Vorstellungen der Men-schen vom Tod- diskutiert sie das Wechselspiel von ,, Tradi-tionalität“ und ,, Modernität“ hinsichtlich der ,, letzten Dinge".
Thema meines Vortrages ist der Totenkult in den ostmitteleuropäi-schen Gesellschaften, wobei ich mich vor allem auf die zweite Hälftedes 20. Jahrhunderts konzentrieren werde. Die empirische Grundlageder folgenden Überlegungen haben mir hauptsächlich meine Feldfor-schungen in der Slowakei geliefert, doch werde ich im Weiterenversuchen, die Ergebnisse meiner Erhebungen mit Material aus an-deren, vor allem der Slowakei benachbarten europäischen Ländernzu vergleichen.
* Vortrag im Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften( IFK),Wien, am 23.3.1998; die mündliche Fassung wurde weitgehend beibehalten unddurch bibliographische Angaben ergänzt.