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Chronik der Volkskunde
Roots and Rituals: Managing Ethnicity
ÖZV LII/ 101
6. Internationaler Kongreß der SIEF( Société International d'Ethnologie et de Folklore)vom 20.- 25. April 1998 in Amsterdam
,, Ich habe keine Heimat und leide natürlich nicht darunter, sondern freuemich meiner Heimatlosigkeit, denn sie befreit mich von einer unnötigenSentimentalität." Den Dichtern und Denkern bleibt es vorbehalten, etwasauf den Punkt und zugleich vom Tapet zu bringen. Und dem in Fiume/ Rijekageborenen, in München, Berlin und Österreich lebenden, schließlich nachParis emigrierten und hier einen jähen Tod findenden Schriftsteller Ödönvon Horvath ist auch biographisch zu konzedieren, für sich einen literari-schen Schlußstrich unter eine Thematik gezogen zu haben, der ohne sonder-liche Verrenkung des Arguments auch die hier angezeigte Tagung verpflich-tet gewesen ist: Wie jener Begriff der„, Heimat" zielt ja auch der des,, Ethnischen", der„, Ethnizität“ auf Herkunft und Genese, auf Dauer auchzugleich und Beständigkeit, auf jenes rituell gern verfestigte ,, Verwurzelt-sein", auf das der Kongreẞtitel anspielt.
Doch wie ansprechend in seinem bestechenden Endgültigkeitsanspruchein Ceterum censeo wie das zitierte auch sein mag – zum subsumierendenStatement der in Amsterdam vom 20. bis 25. April 1998 stattgefundenen 6.SIEF- Konferenz taugt es nicht. Wie ja jeder Art stringentem Resümee bereitsdas aller Wissenschaft immanente Insistieren auf vorsichtig- diskursiven( Fort) Gang des Gedankens, der kein rasches Kappen von Begriff und Ge-genstand erlaubt, widersteht. Vorexerziert wurde solches Insistieren etwagleich in der ersten Plenarsitzung: ,, Ethnicity and culture: a second look",nannte Thomas Hylland Eriksen( Oslo) sein durchaus als Einführungsvorle-sung angetragenes Referat, in dem er für eine deutlichere terminologischeScheidung dieses Begriffspaares plädierte- eine Trennung, der bald JudithOkley( Hull) in ihrem biographisch getönten Beitrag über ,, Gypsies Glossar ::: zum Glossareintrag Gypsies, border-intellectuals and, others", in dem sie Ethnizität in den jeweiligen soziokul-turellen Kontext verankerte, widersprechen sollte. Und wenn Eriksen einekategoriale Grundlage für eine sinnvolle, und das heißt hier mehr als beianderer Thematik: nüchterne Auseinandersetzung vorgeben wollte, so warauch der anschließende Beitrag Anthony D. Smiths( London)- ,, Sacredethnicity: the role of religion in the persistence and renewal of ethniccommunities"- von ähnlich überblicksartigem Charakter und dem Versuchgetragen, das tief beackerte Feld( kultur) wissenschaftlichen Umgangs mitEthnizität auszuloten, wobei Smith Ethnizität als ,, säkulare Religion" undim übrigen recht essentialistisch in ihrer Dinghaftigkeit festmachte.