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Literatur der Volkskunde
ÖZV LII/ 101
Rigele, Georg: Die Großglockner- Hochalpenstraße. Zur Geschichte ei-nes österreichischen Monuments. Wien, WUV- Universitätsverlag, 1998,460 Seiten, 108 Farb- und S/ W- Abb.( zus. 7 Tab. u. 8 Diagr.).
Georg Rigele, Geschichtswissenschaftler mit kulturwissenschaftlicherSchlagseite, ist in den letzten Jahren zu so etwas wie einem Historiker derStraßenbauprojekte der Zwischenkriegszeit geworden. Aus seiner 1992 ab-geschlossenen Dissertation über die Großglockner- Hochalpenstraße und dieWiener Höhenstraße ging bereits ein 1993 erschienener Band über ,, DieWiener Höhenstraße. Autos, Landschaft und Politik in den dreißiger Jah-ren hervor. Das nun vorliegende Buch vertieft die Vorarbeiten über dieGroßglockner- Hochalpenstraße, bringt zahlreiche neue Quellen und auchneue Perspektiven, wie sie angesichts der Debatten über Landschaft, Iden-tität, Technik( um nur drei Schlagworte zu nennen) entwickelt werdenkonnten. Vorsichtig vergleichend ließe sich sagen, das Höhenstraßenbuchbehandelt das Thema allgemeiner und vom Duktus her essayistischer, wäh-rend nun aufbauend von Landschaftsästhetik und Automobilisierung kaummehr die Rede ist, sondern das politische Handling des Bauvorhabens sowiedie unterschiedlichen Interessenskonflikte, ihre Hintergründe und Argumen-tationsweisen im Vordergrund stehen.
Rigele zählt nicht zu den Historikern, die ihre Geschichten mit raschenBefunden darzubieten suchen, er entwickelt seine Deutungen vorsichtig underst in allmählicher Sichtung( oft selbst des noch so nebensächlich erschei-nenden Details). Was Theoretisches anlangt, gibt er sich weitgehend be-deckt. Das macht das Buch zu einem angenehm unaufgeregten Bericht,allerdings um den Preis, daß die Erzählung mitunter erst die Fragestellungfreigibt und die großen( durch den Begriff des Monuments im Untertitelangesprochenen) Zusammenhänge in der ungeheuren Fülle des Materialsnur mit einiger Mühe sichtbar werden. Das Los des Lesers ist ein wenig jenesdes geführten Bergsteigers, der sich dem Kundigen anvertraut, aber nichtrecht weiß, wohin die Tour geht, dafür aber über die Berge im Rings undüber Bedeutsames und weniger Bedeutsames am Wegesrand umso ausführ-licher unterrichtet wird.
Die Studie führt ,, in eine der brüchigsten Verwerfungszonen der österrei-chischen Geschichte“( S. 15), und dementsprechend wenig geradlinig ist dieHandlung in der Nacherzählung. Argumentativ standen beim Bau derGroßglockner- Hochalpenstraße die Schlagworte Alpenüberquerung, Ar-beitsbeschaffung und Tourismus im Mittelpunkt, wobei die Rangfolge derArgumente im Zuge der Projekt- und Bauphasen jeweils variierte. AlsAlpenstraße sollte sie einerseits modernstes Bauwerk und großartigstesErlebnis, andererseits Ersatz für die verlorene' Dolomitenstraße und die