Jahrgang 
101 (1998) / N.S. 52
Seite
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1998, Heft 2

Literatur der Volkskunde

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Metz- Becker, Marita: Der verwaltete Körper. Die Medikalisierungschwangerer Frauen in den Gebärhäusern des frühen 19. Jahrhunderts.Frankfurt am Main- New York, Campus Verlag, 1997, 429 Seiten, Abb.

,, Geburtshilfe ist primär eine Kunst, erst sekundär eine Wissenschaft.Dieser Leitsatz könnte über der spannenden Habilitationsschrift der Autorinstehen, die sich mit der Akademisierung der Geburtshilfe und ihrer Entwick-lung hin zur Geburtsmedizin am Beispiel der Marburger Gebäranstalt be-schäftigt. Die Studie wird von zwei zentralen Fragestellungen geleitet:1. Welche Entwicklungsprozesse haben die Geburtshilfe um die Wende vom18. zum 19. Jahrhunderts verändert?

2. Wie haben die betroffenen Frauen darauf reagiert?

Im ersten Teil der Arbeit werden diese Veränderungen am Beispiel derMarburger Accouchiranstalt dargestellt und analysiert. Aufgezeigt wird da-bei, wie die Akademisierung der Geburtshilfe in dieser Gebäranstalt ihrepraktische Umsetzung finden konnte. Die Hebamme, einst selbstständig undin Eigenverantwortung, nach bestem Wissen und Gewissen arbeitende Ge-burtshelferin, wurde bereits mit Erlaß der ersten Hebammenverordnungdurch die Einschränkung ihrer fachlichen Kompetenz in ihrer Berufsaus-übung reglementiert. Diplomzwang und Eignungsvoraussetzungen drängtenden Stand der Hebamme zurück und degradierten sie allmählich zur Arzthel-ferin. Ermöglicht wurde dieser Führungswechsel durch die Ausbildungs-vorschriften des Wundarztes, der durch die chirurgische Ausbildung zu-gleich zum Magister der Geburtshilfe avancierte. Damit obliegt ihm diefachliche Leitung des Geburtsvorganges, die Geburt entwickelt sich voneinem natürlichen Ereignis zu einem pathologischen, aber programmierba-ren Vorgang.³

Die Auslagerung der Geburtshilfe aus der privaten in die öffentlicheHand, so die Autorin, begünstigte die Institutionalisierung und Verwissen-schaftlichung der Geburtsmedizin und eine Professionalisierung des Ärzte-standes, dessen Entwicklung vollständig dem Ziele der Aufklärung dienteund auch den bevölkerungspolitischen Interessen der Zeit entsprach. Dererste Teil der Arbeit endet mit der Darstellung dieses Professionalisierungs-prozesses im Alltag der Marburger Accouchieranstalt. Die Autorin zeigt, wiein der Gebäranstalt die Frau zum Studienobjekt jenes neuen Berufsstandeswird, der sich die Erforschung der Wissenschaft vom Weibe Glossar ::: zum Glossareintrag  Weibe zur Aufgabegestellt hat: der Geburtshelfer und Gynäkologen.

Im Blickfeld des zweiten Abschnittes der Arbeit steht die Lebensbewäl-tigung der betroffenen Frau als Schwangere, Gebärende, Wöchnerin undMörderin. Hierbei gelingt es der Autorin, durch detaillierte Fallbeschreibun-gen in eindrucksvoller Weise einen Ausschnitt aus der Lebenswelt der