Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
Band LII/ 101, Wien 1998, 345-382
Literatur der Volkskunde
KATSCHNIG- FASCH, Elisabeth: Möblierter Sinn. Städtische Wohn- undLebensstile(= Kulturstudien, Sonderband 24). Wien- Köln- Weimar,Böhlau, 1998, 414 Seiten, Abb.
Der Habilitationsschrift über städtische Lebensstile, die seit langem Themader Autorin sind, eignet eine longue durée von über zehn Jahren. Die langeDauer läßt sich als Gewinn verbuchen. Auf sie gründet sich eine zentraleAussage: Die immer wieder apostrophierte ,, postmoderne Beliebigkeit" istso beliebig nicht. Sie erhält ihre Prägungen und Leitlinien in der Vorge-schichte des Individuums, sie ist sozialer und historischer( wenn solcheKomparative erlaubt sind) als bisher angenommen.
Die lange Dauer läßt Prägungen ebenso wie die selbstgefundenen neuenSinnkonstruktionen der Existenz vor der Folie der Zeit deutlich werden.Gesprächspartnerinnen werden nach längeren Zeitabständen ,, restudied",wieder aufgesucht, in einem Fall nach 20 Jahren. Wieder aufgesucht werdenaber auch wissenschaftliche Positionen der letzten zwanzig Jahre. So ist dieDiskussion breit angelegt. Innerhalb des Faches wird ein Prozeß der Diffe-renzierung in Schulen deutlich. Einer dieser Schulen, dezidiert kulturanthro-pologisch, folgt die Autorin und hier insbesondere deren Frankfurter Prota-gonistin, Ina- Maria Greverus. Andere, eher kulturwissenschaftlich- herme-neutische Sichtweisen, wie sich etwa in der Tübinger Schule der Empiri-schen Kulturwissenschaft ausgebildet haben, werden – mit Ausnahme Her-mann Bausingers- kaum diskutiert, bisweilen sogar ausgeblendet, etwawenn es um die Analyse der Dinge geht. Sichtbar werden Randpositionen,neben Martin Scharfe noch Wolfgang Kaschuba, dessen sozialhistorische Ak-zente in der Diskussion um das ,, Ende der Arbeiterkultur" bzw. um die ,, Auto-nomie" der Unterschichtenkultur die Autorin aufnimmt und die sie mit demHinweis auf Cassirers Kriterium der ,, Symbolfähigkeit“ als beendet ansieht.
Gemeinsam mit anderen ,, Nachbarwissenschaften“, die zusehends kul-turwissenschaftlich argumentieren, schickt die Volkskunde sich an, dasProjekt einer Moderne als Gegenstand zu entdecken und zum Thema zumachen. Im Mittelpunkt steht der Abschied nicht nur vom Volksleben,sondern auch von den traditionellen Kategorien kultureller Determinatio-nen. Mit diesem Abschied und der Diagnose eines kulturellen Bruches( densie befragt) um die Mitte der 70er Jahre ortet die Autorin eine aufbrausende