Jahrgang 
101 (1998) / N.S. 52
Seite
409
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

Band LII/ 101, Wien 1998, 409–432

Geselligkeit

Formen bürgerlicher Alltagskultur um 1800*

Marita Metz- Becker

Geselligkeit wird begriffen als Selbstdarstellung bürgerlicherKultur, als Vorform einer egalitären Öffentlichkeit und als einModell sozialer Kommunikation, das mit den traditionellen Hier-archien und Wertvorstellungen des Ancien régime brach, umneue, bürgerliche Orientierungen zu etablieren. Eine dem Bür-gertum gemeinsame und spezifische, Kultur im Sinne von Le-bensführung, Deutungsmustern, Symbolen, Wertungen undMentalitäten galt es so um 1800, in den sich entwickelndengeselligen Assoziationen( gelehrte Gesellschaften, Logen, Verei-ne, Salons, Lesezirkel, Teeabende etc.) zu erarbeiten.

Dabei kennzeichnete die Betonung von Bildung das Welt- undSelbstverständnis der Bürger. Liberale Tugenden wie Tole-ranz, Konflikt- und Kompromißfähigkeit, Autoritätsskepsisund Freiheitsliebe gehörten ebenso zur bürgerlichen Kultur undIdentität wie die hohe Bedeutung symbolischer Formen: Tischsit-ten und Konventionen, Titel und feine Lebensart, Körperpflegeund Kleidung. Nicht zuletzt gelangte der Geschlechterdiskurs inder Formierungsphase des auf Freiheit und Gleichheit pochendenBürgertums zu einem ersten Höhepunkt.

Als die ersten Meldungen aus dem revolutionären Paris 1789 nachDeutschland dringen, schreibt eine junge Frau: ,, Die heutigen Zeitungenenthalten so ungeheure Dinge, daß ich ganz heiß von ihrer Lektüre bin".Der Sturm auf die Bastille, das Schleifen eines Symbols eher denn einesBollwerks, da hier kaum noch Gefangene in Ketten geschmachtet unddem einbrechenden Licht entgegengejubelt haben, gilt als symbolischerAkt und Auftakt jener Revolution, in der die menschlichen Anstrengun-gen der großen Emanzipationsbewegungen des 18. Jahrhunderts gipfel-ten, sich aus, selbstverschuldeter Unmündigkeit( Kant) zu befreien. Diejunge Frau, die von der Lektüre ganz heiß und von den Revolu-tionsereignissen ergriffen war, ist Caroline Schlegel- Schelling, eine derberühmtesten Persönlichkeiten der deutschen Frühromantik. Ihr Salon

* Antritts vorlesung an der Philipps- Universität Marburg, am 4.6.1997.