Jahrgang 
101 (1998) / N.S. 52
Seite
465
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1998, Heft 4

Chronik der Volkskunde

Der Vogel Selbsterkenntnis

Idiosynkrasien im Volkskunstmuseum

Zur Ausstellung im Tiroler Volkskunstmuseum Innsbruck,27. Juni bis 26. Oktober 1998

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Als der Tiroler Gewerbeverein 1888 aus Anlaß des 40jährigen Regierungs-jubiläums Kaiser Franz Josephs I. den Beschluß für die Einrichtung einesGewerbemuseums faßte, hatte die Maschine auch im Alpenraum weitgehenddas Kunsthandwerk verdrängt. Um die Sicherung der alten Techniken zugewährleisten, sollte eine Sammlung der Vorbilder die Fortführung destraditionellen Kunsthandwerks und die Erhaltung dieser Berufsgruppen undihrer Bräuche fördern. 1929 konnte das Tiroler Volkskunstmuseum, ehemalsMuseum für tirolisches Gewerbe und Volkskunst, im Theresianum eröffnenals Zeichen für eine Gegenwart, die ihrer Vergänglichkeit entrinnen wollte.Objekte, Möbel, Handwerksgegenstände, gefertigt aus Glas, Majolika,Schmiedeeisen, Holz oder Textilien, überdauerten als signifikante Material-sammlung die Beschleunigung der Zeit. Jenseits ihres eigentlichen Ge-brauchswerts der Nützlichkeit werden sie gleichsam als magische Bedeu-tungsträger vergangener Alltagskultur und Gläubigkeit wie Fossilien ausErinnerungsschichten geordnet, um vergangene Zeit zu vergegenwärtigen.Gedächtnisräume und Sammlungsstücke bezeugen zwischen Irdischem undHimmlischem, zwischen Opfer und Erlösung regionale und lokale Glau-bens-, Lebens- und Arbeitswelten.

25 geladene Künstler haben in diesen Museumssälen für die Dauer einerAusstellung mit ihren Arbeiten versteckte und subtile Sinnbezüge hervorge-hoben, die sich in korrespondierenden Erkenntnisschichten überlagern. Ge-genstände der Alltagskultur, Gerätschaft aus Wohn- und Arbeitswelt, Reli-quien und Relikte aus dem religiösen und weltlichen Festkalender undJahreszeitenkreislauf des Alpenraumes sind durch die bewußt gesetzte Be-gegnung mit Medien, Skulpturen, Objektassemblagen zu ,, Wahlverwandt-schaften verändert worden. Gleich einem chirurgischen Eingriff in diegeordnete, meist anonyme gegenständliche Überlieferung haben jene Künst-lerinterventionen die Museumsbesucher zu Reaktionen provoziert. DieKünstlerarbeiten befragen die geordnete Idylle abgelebter Arbeitswelt, derÜberlieferung von Glaubens- und Beschwörungsfetischen der Alltagskulturmit ihrer Zeichensprache für das bessere Verständnis von Gegenwart, undsie lösen zugleich die vermeintliche Unantastbarkeit von Musealisierungauf. Dieses Vorgehen hat natürlich nicht nur Zustimmung gefunden. Umso-mehr seien Erfinder und Organisatoren dieses Unternehmens zu preisen, dieHaus und Sammlung geöffnet haben, damit neuer Wind in altehrwürdige