Jahrgang 
101 (1998) / N.S. 52
Seite
472
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Chronik der Volkskunde

ÖZV LII/ 101

Die Ausstellung ,, Der Vogel Selbsterkenntnis❝ imTiroler Volkskunstmuseum- ein gelungenes Experiment

Erfahrungen im Hause- Besucherreaktionen

Die Ausstellung ,, Der Vogel Selbsterkenntnis ist nach vier Monaten Lauf-zeit zu Ende, eine Ausstellung von zeitgenössischen Künstlern aus aller Weltin einem Haus mit traditioneller Gebrauchskunst, das das historische Tirolbis zur Berner Klause repräsentiert. Die Künstler stellten ihre Arbeiten denGegenständen der permanenten Ausstellung gegenüber, provozierend, inte-grierend, pervertierend, verfremdend und mit Ironie etc., sodaẞ Irritationenoder neue Sinn- Zusammenhänge entstanden. Die Ausstellung wollte anre-gen, über das Verhältnis von Tradition und Gegenwart nachzudenken.Ausstellungsort war das Tiroler Volkskunstmuseum, das aber zum Großteilnicht Volkskunst zeigt, sondern Kunsthandwerk, Kunstgewerbe, Hausge-werbe, Hausindustrie( mit arbeitsteiligen Prozessen und Massenprodukti-on), dessen Objekte aus allen Schichten kommen, von dem aber die Besucher, Bäuerliches" erwarten. So war es auch interessant zu erfahren, ob sich denKünstlern die Frage stellt, was Volkskunst ist, und wie sie sich den Objektenannähern. Dies geschah auf unterschiedliche Weise.

Auf Spurensuche begaben sich Daniel Spoerri und Nikolaus Lang; Ge-genstände aus dem Museum inspirierten Pablo Proença für seine Zeichnun-gen, die zu einem Rahmen um bestehende Vitrinen wurden; zwei vielbewunderte Gegenstände des Museums( Tafelbild ,, Vogel Selbsterkenntnis[ Abb. 5] und ein Memento Mori als Handtuchhalter) verwendeten ClaudioParmiggiani und Nestor Quinones für ihre Inszenierungen; Arnulf Rainerüberarbeitete Photographien von Masken aus der Sammlung; Schaustücke( z.B. Schlitten, Zither, Gewehrkasten) verband Braco Dimitrijevic zu As-semblagen; Pavel Schmid stellte dem ,, strengen Meraner Saltner( Wein-berghüter) eine Venus gegenüber, während Rolf Isely die gotischen Stubenals Ausstellungsort für seine Materialbilder wählte. Anton Christians ,, Pup-pen" verteilten sich über das ganze Haus, irritierten und wurden von Kinderngerne mitgenommen. Befürchtungen des Direktors, daß das Museum ausge-räumt und auf den Kopf gestellt werde, haben sich nicht bewahrheitet- dieKünstler sind sehr behutsam mit dem Haus umgegangen. Ungewohnt wares zunächst auch für das hauseigene Personal, das mit den Traditionen desMuseums verbundenen ist, dessen Sehgewohnheiten auch vom Haus geprägtsind. Beim Anliefern der ersten Objekte waren viele Mitarbeiter, die mitmoderner Kunst nie zu tun haben und auch nicht so schnell über ihrenSchatten springen können, erstaunt, verunsichert bis erschrocken. Was hateine Resopalküche( Martin Gostners Öde Gallenküche[ Abb. 6]) mit Kunst