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Chronik der Volkskunde
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schon Marie- Louise von Plessen gemeint mit der Empfehlung, die Politikernicht zu vergrätzen, sondern sie zu umarmen und ihnen die Bühne fürAuftritte, die sie alle brauchen, zu bieten, wofür man im Gegenzug sicherAkzeptanz und Unterstützung für die eigenen Anliegen erwarten könne.Diese Ansicht blieb allerdings auch nicht unwidersprochen, denn manwünscht sich allseits natürlich möglichste Autonomie und keinerlei Ein-flußnahme, weder von öffentlicher noch von privater Seite und vergiẞt dabeiaber die Volksweisheit ,, wer zahlt, schafft an". Die Diskussionen an diesemTag waren jedenfalls angeregt und anregend und rechtfertigten allein dieAbhaltung dieses Museumstages, wenn es einer solchen Rechtfertigungüberhaupt bedürfte, was nicht der Fall ist.
Den gelungenen Abschluß der Veranstaltung bildete eine Tagesexkursionnach Südtirol mit Besichtigung des neuen Archäologiemuseums in Bozen,das den berühmten Mann im Eis vom Hauslabjoch beherbergt, und eineFührung durch die Ausstellung ,, Michael Pacher und sein Kreis“ in Neustiftbei Brixen. Die Zeit für Michael Pacher war etwas zu kurz bemessen, derErwerb einer Flasche der vorzüglichen Grappa aus stiftischer Kellerei gingsich trotzdem aus.
Margot Schindler
Karl- S. Kramer 1916-1998
In Dieẞen am Ammersee, seinem Alterssitz, ist der emeritierte Ordinariusfür Volkskunde an der Kieler Universität, Karl- Sigismund Kramer, am 8.September 1998 im Alter von 82 Jahren verstorben. Seine Asche ist in Kielim Grab seiner 1968 verstorbenen Frau Käthe beigesetzt worden. MitKramer, der bis zum letzten Tag tätig sein durfte, verliert die deutschspra-chige Volkskunde einen ihrer profilierten Vertreter, seine Schülerschafteinen verehrten Freund.
Der aus einem thüringischen Pfarrhaus stammende Kramer wurde 1939in München bei Otto Höfler, dem er aus Kiel gefolgt war, am Lehrstuhl fürGermanische Philologie und Volkskunde promoviert. Mit der ,, Dingbesee-lung in der germanischen Überlieferung“ – so der Titel seiner Dissertation-versuchte er Leben und immaterielle Bedeutung der Dinge zu fassen, unddas ging, später als ,, Dingbedeutsamkeit“ modifiziert, auch in jene ,, Recht-liche Volkskunde“ ein, für die Kramer einstand.
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Als Universitätslehrer darf man Kramer einen Spät- und Quereinsteigernennen. Nach kurzer und höchst wirkungsvoller Lehrtätigkeit als Dozent seit