Jahrgang 
101 (1998) / N.S. 52
Seite
509
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

Band LII/ 101, Wien 1998, 509-540

Literatur der Volkskunde

NIKITSCH, Herbert, Bernhard TSCHOFEN( Hg.): Volkskunst. Referateder Österreichischen Volkskundetagung 1995 in Wien(= Buchreihe derÖsterreichischen Zeitschrift für Volkskunde, Neue Serie Band 14). Wien,Selbstverlag des Vereins für Volkskunde, 1997, 458 Seiten, Abb.

In der im Sommer 1998 im Ethnographischen Museum Schloß Kittseepräsentierten Ausstellung über ,, Ethnographische Erkundungen in Galizien"wird eine Textilkünstlerin vorgestellt, die lyrische Texte in nur scheinbartraditionelle Muster einwebt. Hanna Vasylašcuk, die ihre Webkunst zudeklamieren imstande ist, hätte für den vorliegenden Band ,, Volkskunst"Patin stehen können, da in ihrer Arbeit und deren Rezeption vieles von demvereinigt ist, was die Diskussion um Volkskunst heute ausmacht. Was Her-bert Nikitsch und Bernhard Tschofen hier präsentieren, ist nicht ein norma-les- d.h. divergentes- Ergebnis eines Kongresses, das als Sammelband dieRezensenten schreckt. Es ist vielmehr eine Bestandsaufnahme der Diskus-sion, des Forschungsstandes, der Forschungsgeschichte und der gesell-schaftlichen Produktionsweisen von ,, Volkskünsten( Köstlin). Verschlun-gen wie die Umgangsweisen mit dem Thema selbst präsentiert sich auch dieReihung der 24 Beiträge; die Ordnung stellt sich dem Leser nicht von selbsther, sie muß erarbeitet werden, auch wenn hie und da kleine Hilfen in Formvon thematischen Inseln im Inhaltsverzeichnis geboten werden. Die Heraus-geber wollen die Rezipienten zum eigenen Erkunden des Themas auffordern,was sympathisch ist; eine Lese- und Nutzungshilfe in Form eines Registerswäre allerdings dabei sehr zu begrüßen gewesen. Ich werde deshalb nicht inder Abfolge der Aufsätze Inhalte referieren, sondern meine eigene kleineLektüreordnung anbieten bzw. Lesefrüchte bündeln.

Da wäre zunächst ein großes Kapitel zur Betrachtung der Volkskunstre-zeption( und nach neuerer Auffassung gehört auch die Volkskunstforschungzur Rezeption) in der Zeit der Jahrhundertwende bis in die 1930er Jahre:Hier wird deutlich, daß die Begeisterung für Volkskunst bzw. die Konstruk-tion von Volkskunst und das, was wir dafür halten, ein oberschichtlichesPhänomen war. Volkskunstpräsentationen dienten dem Nachweis nationalerIdentitäten, was bewirkte, daß die Produzenten anonym waren und blieben,ihre Erzeugnisse dagegen nationale Weihen erhielten( Bernward Deneke).