Jahrgang 
101 (1998) / N.S. 52
Seite
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1998, Heft 4.

Literatur der Volkskunde

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In einem Fach, das immer weiter ausgreift auf andere Disziplinen und dabeimanche seiner ureigensten Diskurse und nicht selten auch seine einstmalsbequem- präzise Begrifflichkeit fallenzulassen droht, ist es überaus dankens-wert, daß ein Autor wie Gerndt, der über einen so reichen Schatz an praktischerErfahrung und Überblickswissen verfügt, es hier unternimmt, kulturgeschicht-liche Kategorien nicht nur in verständlicher Diktion, sondern auch in sinnvollerSortierung darzubieten. So ordnet und glättet sich trotz der Einbeziehung neuerParadigmen und einer erneuten Erweiterung des Kulturbegriffes das scheinbareDurcheinander der gelegentlich rätselhaften Beliebigkeiten" des, Ge-mischtwarenladens" Volkskunde zu überschaubaren Ordnungen, ohne daß da-bei begriffsdefinitorische Einengungen zu befürchten sind oder eine dubioseWissenssicherheit suggeriert wird. Im Sinne einer dergestalt zurückgenomme-nen aber am Ende doch um so nützlicheren Orientierungshilfe( vgl. S. 22: ,, Woes keine Orientierung gibt, ist aller Tiefsinn umsonst") wurde enzyklopädischeVollständigkeit denn auch gar nicht erst angezielt. So ist es denn auch von ehernachrangiger Bedeutung, daß in Gerndts Handreichungs- Kanon approacheswie etwa die gender studies noch fehlen, obgleich Arbeiten unter diesem Aspektauch in München schon im Entstehen begriffen sind. Bei einer vierten Auflagewerden sie sicherlich einbezogen werden.

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Die dritte Auflage zeichnet sich vor allem auch durch Aktualisierungen derLiteraturangaben aus. Daß dabei, wie etwa im Kapitel ,, Mündliches ErzählenInhalte, Formen, Funktionen, nur selten in die 90er Jahre hinaufgegriffen wird,das mag daran liegen, daß in den letzten Jahren tatsächlich kaum noch ,, Stan-dardwerke oder, grundlegende Aufsätze zum jeweiligen Thema erschienensind. Namens-, Sach- und Autorenregister sind erweitert und angepaẞt worden.Hilfreich ist auch, daß daneben das Adressenverzeichnis der wichtigsten Insti-tute und Institutionen auf den allerneuesten Stand gebracht werden konnte.

Sabine Wienker- Piepho

SPIEGEL, Beate: Adliger Alltag auf dem Land. Eine Hofmarksherrin,ihre Familie und ihre Untertanen in Tutzing um 1740(= Münchner Beiträgezur Volkskunde, Bd. 18). Münchner Universitätsschriften. Zugl. MünchenUniv. Diss. 1994. Münster/ New York/ München/ Berlin, Waxmann, 1997,524 Seiten, Abb.

Bei dem hier zu besprechenden Buch handelt es sich um eine Doktorarbeit,die aus der Perspektive einer verwitweten Hofmarksherrin am StarnbergerSee( Bayern) den adligen Alltag Mitte des 18. Jahrhunderts exemplarisch