Chronik der Volkskunde
Nachruf auf Günter Wiegelmann( 1928-2008)
Am 2. Oktober 2008 verstarb in Münster/ Westfalen Professor Dr. Dr.h. c. Günter Wiegelmann im 81. Lebensjahr. Wiegelmann stammte ausEssen, seine Heimat war das Ruhrgebiet, jene westdeutsche Industrie-landschaft, deren Charme und Faszination von Außenstehenden oft nurschwer wahrzunehmen sind. Wiegelmann war das dritte Kind einesMaurerpoliers und wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Die Jahreseiner Kindheit und Jugend waren durch die Kriegs- und Nachkriegszeitgeprägt. Der älteste Bruder fiel als Soldat, der zweite geriet in Gefangen-schaft, der Vater kam bei einem Arbeitsunfall kurz nach dem Krieg umsLeben. Unter diesen Umständen lag eine akademische Ausbildung fürden jungen Abiturienten 1948 kaum nahe. Allerdings hatte Wiegelmannschon früh den Entschluss gefasst, Gymnasiallehrer werden zu wollen.Um sein Studium finanzieren zu können, begann er nach dem Abitureine Umschulzeit als Maurer, die er mit der Gesellenprüfung abschloss.Gleichzeitig nahm er an der Universität Köln ein Lehramtsstudium fürdie Fächer Geographie, Germanistik und Mathematik auf. Volkskundehabe er zunächst nur als Hobby betrieben, bekannte er 1992 in einemlebensgeschichtlichen Interview gegenüber seinen Studenten MichaelSchimek und Arnold Beuke.¹
Die Annäherung an seine spätere Disziplin ist sicherlich auf die Be-gegnung mit Matthias Zender zurückzuführen, der sich 1954 an der Uni-versität Bonn habilitierte und in jenen Jahren überdies Lehraufträge ander Universität Köln wahrnahm. Der begabte Student muss Zender auf-gefallen sein, denn als er als neu ernannter Leiter für die Weiterarbeit amAtlas der deutschen Volkskunde( ADV) 1954 einen Assistenten suchte,fiel seine Wahl auf Günter Wiegelmann. Dieser empfahl sich als frischexaminierter Geograph für die anstehenden Aufgaben, obwohl er seinenursprünglichen Berufswunsch nur ungern aufgab. Nach kurzer Bedenk-zeit nahm er 1955 seinen Dienst beim Atlas auf, dem er dann über einhalbes Jahrhundert lang – gegen alle kritischen Nachfragen und Anfein-dungen in späteren Jahren · treu bleiben sollte. Die Promotion zum Dr.
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rer. nat. erfolgte 1957 an der Universität Köln im Fach Geographie mit
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Das Interview wurde am 16. November 1992 im Rahmen eines Praktikums zu»> Le-bensgeschichten im Industriezeitalter<< an der Westfälischen Wilhelms- UniversitätMünster im Wintersemester 1992/93 geführt. Eine Veröffentlichung des Textes istfür den 24. Jahrgang der Zeitschrift» Volkskunde in Rheinland- Pfalz«< 2009 geplant.
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