Literatur der Volkskunde
Peter Altenberg: Ashantee. Afrika und Wien um 1900.Hg. v. Kristin Kopp und Werner Michael Schwarz.Wien: Löcker 2008. 207 Seiten, Abb.
Auf allen Ebenen ist das kulturelle Leben in( Mittel-) Europa, solangewir es zurückverfolgen können, verknüpft mit der übrigen( zunächst eu-ropäisch- asiatisch- afrikanischen) Welt. Seit dem Alexanderzug nach In-dien sind die Bilder und Mythen der exotisch Glossar ::: zum Glossareintrag exotisch- fremden Welten in Epen,Liedern und Erzählungen Bestandteil auch der populären Überlieferung.Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts erhalten diese Begegnungen neueDimensionen: Gab es schon früher die Präsentation von Menschen ausfremden Gegenden vor allem für das Publikum der Eliten, so werden jetzt» Völkerschauen«( meist in zoologischen Gärten) ein Ereignis für Viele.Bis zu 30.000 Besucher soll 1896 die Ashanti- Schau an Wochenenden inden Wiener Tiergarten gezogen haben, und mit» Ashanti- Fieber« wirddas außerordentliche Interesse benannt, das diese Schau gefunden hat.
Der» Kaffeehausliterat«< Peter Altenberg(= Richard Engländer, 1859-1919) ließ sich von diesem Fieber anstecken und förderte es gleich-zeitig: Er hat über diese» Völkerschau« mit Ashantis vom damaligenImpresario als Afrikaner aus Ghana angekündigt, der» Häuptling Glossar ::: zum Glossareintrag Häuptling« wurdeallerdings als ein Kohlenhändler aus Kairo identifiziert( S. 128) – ein 1897bei S. Fischer in Berlin erschienenes Büchlein geschrieben, das nun faksi-miliert wieder publiziert wurde, ergänzt durch Essays zu seiner Wirkungund Interpretation und durch einige Briefe Altenbergs. Es ist sein be-kanntestes Buch( S. 143), gewidmet» meinen schwarzen Freundinnen, denunvergesslischen> Paradieses- Menschen' Akolé, Akóshia, Tioko, Djojô,Näh- Badûh«<. Fasziniert von einigen, hier namentlich genannten jungenAfrikanerinnen, verbringt Altenberg- mit Genehmigung der Propagan-da witternden Tiergartenverwaltung- viele Stunden in den Hütten derAshantis, führt seine Mädchen ins Kaffeehaus, führt sie in die Logen derOper( S. 94), führt sie in die» Gesellschaft«< ein- und möchte schließlichsogar( er klagt, wenngleich gerade 37- jährig, oft über seine Gesundheit)in Akkra( Accra) begraben werden.
Über die exotische Glossar ::: zum Glossareintrag exotische Attraktivität seiner» Freundinnen«< hinaus teiltAltenberg mit seiner Begeisterung das Interesse anderer Künstler seinerZeit, die lange vor der Rede vom» Postkolonialismus«< fremde Lebens-welten als Bereicherung und Relativierung eigener Selbstverständlichkei-ten empfunden haben. So spricht Altenberg in einem Zeitungsartikel voneiner>> Regenerations- Cur[...] für die alte müde europäische Cultur- See-
117