Jahrgang 
112 (2009) / N.S. 63
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Literatur der Volkskunde

ankerung«<( I, S. 22) konnte in dieser Komplexität nicht immer erreichtwerden. Manchmal macht es den Anschein, als seien einzelne Autoreneinfach nicht flexibel genug gewesen für eine veränderte Perspektive undsomit für einen neuen Blick auf österreichische Geschichte und Kultur.Insofern trifft das Zitat Thomas Bernhards zu, das die Herausgeber( zurFreude der Rezensentin) an das Ende ihrer Einleitung zu Band I setzen:>> Das harte, an dem ich würge, Österreich«<( I, S. 23).

Michaela Haibl

Petr Lozoviuk: Interethnik im Wissenschaftsprozess.

Deutschsprachige Volkskunde in Böhmen und ihre gesellschaftlichenAuswirkungen(= Schriften zur sächsischen Geschichte und Volkskunde,Bd. 26). Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2008, 424 Seiten, Abb.

Fachgeschichte als Beziehungsgeschichte: Petr Lozoviuk, selbst einGrenzgänger zwischen tschechischer Ethnologie und deutscher Europä-ischer Ethnologie, hat sich in den letzten Jahren mit zahlreichen Veröf-fentlichungen zur tschechischen Fachgeschichte einen Namen gemacht,oft mit dem Fokus auf deutsch- tschechische Bezüge. Nun legt er erst-mals eine umfangreiche Monographie zum Thema vor, die durch ihreDetailfreudigkeit besticht. Zwei Stränge strukturieren die Arbeit: zumeinen die vielfältigen Anstrengungen von deutscher und tschechischerSeite, die der Disziplin in Böhmen zwischen den 1890er und den 1940erJahren zur institutionellen Etablierung verhalfen, und zum anderen derUntersuchungsgegenstand der Volkskultur in Böhmen, Mähren und derSlowakei, dessen Konstruktion und Bedeutungszuschreibung als erfolg-reiche Professionalisierungsstrategie gelesen werden kann. Als Quellenwurden neben einschlägigen Beständen in den Archiven der Universitä-ten und Akademien der Wissenschaften in Prag und Bratislava, der Ge-meinden Třeboň, České Budějovice, Liberec und Žďár nad Sázavou auchzeitgenössische Publikationen aus dem Bereich der Volkskunde und derKulturpolitik herangezogen. Als Methoden seiner Untersuchung nenntLozoviuk Diskurs- und Inhaltsanalyse( S. 19-22).

Fünf Entwicklungslinien macht Lozoviuk aus: das unprofessionelleSammeln von Phänomenen, die unter dem Begriff» Volkskultur« subsu-miert werden konnten; die Volkskunde Altösterreichs; die akademischbetriebene deutsch- böhmische bzw. sudetendeutsche Volkskunde; die

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