Eine Lanze für Luzifer!*
Martin Scharfe
Anheimeln und Fremdeln im Museum
Wir feiern heute das 80jährige Bestehen unseres Museums und seine Um-gestaltung wir hätten freilich zugleich auch Anlaß zu einem 100jährigenJubiläum: denn vor exakt einem Jahrhundert stellte der hier( in Wilten)geborene Altphilologe und Museumsmann Karl von Radinger in der Ti-roler Kulturzeitschrift» Föhn« der Öffentlichkeit ein erstes Konzept fürdas künftige>> Museum für Tirolische Volkskunst und Gewerbe«( wie eres nannte) vor. Radingers Konzept hatte durchaus moderne Züge. Denner plante zum Beispiel den Einbau eines> Bauernkirchels<- einer im Stilländlichen Barocks gehaltenen Kapelle mit Votivbildern und Votivgaben,Wallfahrtsandenken, Amuletten und bemalten Totenschädeln; in einen> sakristeiartigen Nebenraum< wollte er Heiligenfiguren, Palmesel undKrippen stellen; an der Außenwand der Kapelle wären Marterln, Toten-bretter und Grabkreuze angebracht worden; ein richtiger Bauerngarten,ein Dorfbrunnen mit Floriansfigur gar sollten sich anschließen.
Ein solches Konzept, eine solche Installation nennen wir heute In-szenierung ja manch einer, der sich Tendenzen des Tages besondersverpflichtet glaubt, möchte vielleicht sogar sagen: Radinger wollte>> eineGeschichte erzählen«( wobei die» Inszenierung« nur als räumliche Vari-ante des>> Geschichten- Erzählens« zu sehen wäre). Jedenfalls legte unserMuseumsmann hier die Fährte des Anheimelns, der gefälligen Rundung,des Anrührens, ja vielleicht gar der emotionalen Überwältigung: eineFährte, die( bei Licht besehen) ein Indiz ist für Mißtrauen Mißtrau-en sowohl in die ausgestellten Dinge( denen man nicht zutraut, daß siefür sich selber sprechen) als auch Mißtrauen in das Publikum( dem mannicht zutraut, daß es den Zeugnischarakter des Gesammelten begreift).
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Festansprache zur Wiedereröffnung des Tiroler Volkskunstmuseums in Innsbruckam 18. Mai 2009.- Der Stil der mündlichen Rede wurde beibehalten.
Karl von Radinger[ d. i. Karl Radinger von Radinghofen( 1869-1921)]: Das Museumfür Tirolische Volkskunst und Gewerbe, in: Der Föhn( Innsbruck), 1909, 2. Juni-Heft, S. 33-39.