Literatur der Volkskunde
Andrea Hoffmann, Utz Jeggle, Reinhard Johler, Martin Ulmer( Hg.):
Die kulturelle Seite des Antisemitismus. Zwischen Aufklärung und Shoah(= Studien& Materialien des Ludwig- Uhland- Instituts der UniversitätTübingen, Bd. 30; zugl. Tübinger kulturwissenschaftliche Gespräche,Bd. 3). Tübingen: TVV- Verlag 2006, 341 Seiten, s/ w Abb.
Der Band»> Die kulturelle Seite des Antisemitismus«< greift auf, was Shu-lamit Volkov, eine der inspirierendsten Vertreterinnen der Antisemitis-musforschung, in ihrem 1978 erstmals im Leo- Baeck- Institute Yearbookerschienenen Aufsatz» Antisemitismus als kultureller Code«<< in den Blickgenommen hatte. Ausgehend von der These, der Antisemitismus deswilhelminischen Kaiserreichs könne, als kultureller Code begriffen, zueinem weitreichenderen Verständnis des Phänomens führen, öffnete siedie Forschungsperspektiven wie auch das wissenschaftliche Begriffsfeld.Und Shulamit Volkovs Antisemitismuskonzept begegnet den Lesernim Folgenden allenthalben, auch im knapp gehaltenen Vorwort, in demReinhard Johler, kulturwissenschaftlichen Fragestellungen folgend, denZugang zu der 2004 in Tübingen abgehaltenen internationalen und inter-disziplinären Tagung umreißt, als dessen gedrucktes Ergebnis dieser Auf-satzband vorliegt. Fünfzehn Beiträge der Tagung wurden veröffentlicht.Die Tatsache, dass sie kein einheitliches Bild der» kulturellen Seite desAntisemitismus« zeichnen, ist sicher ein Verdienst des Bandes. Schwieri-ger ist die qualitative Heterogenität der Beiträge, weshalb im Folgendenjene genauer betracht werden, die für eine kulturwissenschaftliche Anti-semitismusforschung interessante Aspekte bieten.
So eröffnet der renommierte Antisemitismusforscher Robert S.Wistrich den Band und gibt einen Überblick zu» Jews and Antisemitismin Central European Culture«<, worin er unter anderem auf die Prägungder zentraleuropäischen Kulturgeschichte durch Einstein, Freud, Marx,Schönberg, Wittgenstein, Kafka u. a. verweist. Hinsichtlich reichlich an-tisemitischer Erfahrungen, die die oben Genannten erfahren mussten,frägt Wistrich nach der immer wieder zitierten» German- Jewish sym-biosis<< in Berlin/ Prag/ Wien/ Budapest um 1900 und danach, ob diesenicht letztlich eine» einseitige tragische Liebesaffäre« gewesen sei, wie1966 Gershom Sholem ausgeführt hat( S. 25). Mit Blick auf Kultur- undgeistesgeschichtliche Phänomene zeichnet er das Bild eines» modernenAntisemitismus«<, der sich aus sozialen, gesellschaftlichen, politischenund rassistischen Elementen speiste.
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