Jahrgang 
112 (2009) / N.S. 63
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Literatur der Volkskunde

Hito Steyerl: Die Farbe der Wahrheit.Dokumentarismen im Kunstfeld.

Wien: Turia und Kant 2008, 157 Seiten.

>> Was ist der> documentary turn<? Seit mehreren Jahren mehren sich do-kumentarische Stile im Kunstfeld, das als eine Art Labor fungiert, in deminnovative dokumentarische Ansätze entstehen. Ihr Auftauchen verweistnicht nur auf eine Veränderung des Kunstbegriffs, sondern auch auf dieTransformation dokumentarischer Formen im Kontext medialer Globali-sierung. Diese Umbrüche beeinflussen das Verhältnis dokumentarischerFormen zur Realität; sie verändern traditionelle Öffentlichkeiten ebensowie Formen ihrer Vermittlung.> Die Farbe der Wahrheit< verhandelt klas-sische Fragestellungen der dokumentarischen Form- ihre Funktion alsKnoten von Machtwissen, als Repräsentation von Realität oder als medi-ale Selbstreflektion anhand von neueren Beispielen aus dem Kunstfeld.<<

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Soweit der ebenso konzise wie zutreffende Klappentext des Buchesvon Hito Steyerl, der hier als Basis für dessen Vorstellung aus kulturwis-senschaftlich- volkskundlicher Sicht dienen soll. Steyerl behandelt in zwölfEssays und anhand konkreter Beispiele das Spektrum dokumentarischerFormen im Spannungsfeld gegenwärtiger Diskurse. Dabei gelingt es ihr,in Verknüpfung von Theorie und künstlerischer Praxis vor allem ausdem visuellen Bereich die Phänomene und das Feld der Thematik an-schaulich, transparent und vor allem offen zu diskutieren und somit neueAnknüpfungspunkte für ein Weiterdenken anzubieten. Das ist nicht zu-letzt ihrer Arbeitsweise geschuldet, auf die sie in einem Nachwort nähereingeht: Als Künstlerin wie als Kunsttheoretikerin wählt sie-auch ausarbeitspragmatischen Gründen bewusst die Form des Essays, da diese>> von Adorno als Aufbegehren gegen das Diktat der Identität geschätzt,heute auch konform mit einem ebenso marktförmigen Zwang zu Dif-ferenzierung und flexibler, mobiler und modulartiger Produktionsweiseläuft«<( S. 139).

In den einzelnen Beiträgen greift Hito Steyerl verschiedene Diskurseder»> documentary turns«< heraus und analysiert vor deren Folie verschiede-ne künstlerische Arbeiten. Die Essays können jeder für sich gelesen wer-den, insgesamt aber bauen sie aufeinander auf und dringen so in immerstärkerer Differenzierung in die Thematik ein. Steyerl beginnt mit derDefinition von Dokumentarismen, die sie dann in weiteren Schritten ent-lang der Überlegungen etwa von Benjamin, Agamben, Didi- Huberman

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