Literatur der Volkskunde
Es ist lehrreich und schön, dieser facettenreichen, im Denken undAnalysieren kulturwissenschaftlichen Zugängen verpflichteten Studieeiner> Fachfremden zu folgen und damit einen neuen Anstoß für daseigene empirische Arbeiten zu bekommen.
Martin Jonas
Sarah Kubin: Ritual der Individualisten.
Eine ethnographische Studie zum Wandel des katholischenGottesdienstes(= Studien& Materialien des Ludwig- Uhland- Institutsder Universität Tübingen, Bd. 32). Tübingen: Tübinger Vereinigung fürVolkskunde e.V. 2009, 195 Seiten.
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Auch Juridisches kann das Interesse an ethnographischen Studien schär-fen diesfalls das derzeit bei einem niederösterreichischen Landesge-richt anhängige Verfahren gegen einen( laut Berichterstattung)>> theo-logisch anscheinend sehr bewanderten Akademiker«, der während derMesse den Pfarrer mehrmals» wegen angeblich fehlerhafter Liturgie<<lautstark ausgebessert hat. Das gerichtliche Nachspiel dieser wiederhol-ten Interventionen mag deren Insistenz und vielleicht auch Heftigkeitgeschuldet sein bemerkenswert bleibt, dass sich nun die Justiz zu Klä-rung aufgerufen fühlt,» ob es sich bei den Vorfällen lediglich um Unfugoder um eine Störung der Religionsausübung handelt«<( http: //noe.orf.at/ stories/ 364745/). Denn mit Rückgriff zumindest auf den zweiten in-kriminierten Tatbestand wird- um hier eine gängige definitorische Un-terscheidung zu gebrauchen- einem> substantialen<, also sich inhaltlichan( und zwar ganz spezifischen) Transzendenzvorstellungen orientieren-den Religionsverständnis gefolgt, nicht aber jenem> funktionalen<, alsoweltlich- säkulare Ursachen und Wirkungen in den Mittelpunkt rücken-den Religionsverständnis, wie es oft als Voraussetzung zu nüchterner Be-trachtung und neutraler Reflexion von Adaptionen und Modifikationenreligiöser Erscheinungen gesehen wird.
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Dem damit angesprochenen methodologisch- agnostizistischen Im-perativ kommt Sarah Kubin in ihrer Untersuchung über den» Wandeldes katholischen Gottesdienstes«< sehr wohl nach. Und dies trotz ihrerin den einleitenden Ausführungen über Zugang, Methode und For-schungsfeld als» persönliche Voraussetzungen«<( S. 19) offengelegten
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