neuerDings
>> Nach des Tages Last, halt in Frieden Rast<<Drei Sterbetücher aus Niederösterreich
Schriftzug, Kreuz, Ähre und Lilie in Flachstickerei und Kettenstich, dieKanten mit Hexenstich eingefasst sowie Schriftzug, florale Motive inKetten- und Stielstich, die Kanten mit Borte verziert und Schriftzug vonzwei Engel flankiert, florale Motive in Flachstickerei und Stielstich, dreiKanten mit Passepoil verziert. Alle Stickereien und Borten sind schwarz,denn es handelt sich bei diesen drei Textilien um Baumwoll- bzw. Lei-nentücher, die, so die Erzählung der Überbringerin, während der mehrtä-tigen häuslichen Aufbahrung von Verstorbenen über diese gebreitet wur-den. Mit dem Bau von Leichenhallen, so die Überbringerin der Textilienweiter, fanden Tücher dieser Art ab den 1970er Jahren keine Verwen-dung mehr. Die gesetzliche Pflicht zur unverzüglichen Überführungder Leichen in die Obhut der Bestatter und die dortige Aufbahrung hat-ten den Umgang mit dem toten Körper im häuslichen Bereich mit einemMal grundlegend verändert.
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Worin jedoch lag genau der Sinn dieser Tücher? Wenn die im Sargliegende, aufgebahrte Leiche' damit zugedeckt war, wurde dann das Tuchentfernt, wenn Besucher ins Haus kamen, um die/ den Verstorbenen einletztes Mal zu sehen, zu beten und sich von der Toten/ vom Toten zuverabschieden?
Norbert Stefenelli, der den Umgang früherer Generationen mit demTod bzw. dem Leichnam beschreibt, bezeichnet ein Tuch, das währendder Aufbahrung über den Toten gelegt wurde, als» Übertan«<. ² Die Lei-che sollte damit vor den Einflüssen der Temperatur und vor Insektengeschützt werden, insbesondere das Gesicht. Kamen Besucher in denAufbahrungsraum, wurde das Tuch vorsichtig zurückgeschlagen. DasZimmer selbst war vielfach verdunkelt, Tücher aus Leinen oder bestickte>> Sterbevorhänge« ³ verhüllten die Fenster. In der Nähe des aufgebahrtenToten standen auf Tischdeckchen für gewöhnlich Andachtsbilder, ein
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In Niederösterreich wurde die Leiche nicht im Sarg, sondern zumeist auf der so ge-nannten Bahrlade aufgebahrt, s. Gabriele Tschallener: Sterben und Tod in Kult undBrauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtum. Bd. 3. Rankweil 1992, S. 46.
2 Norbert Stefenelli( Hg.): Körper ohne Leben. Begegnung und Umgang mit Toten.Wien, Köln, Weimar 1998, S. 150.
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Ebd.
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