Jahrgang 
112 (2009) / N.S. 63
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538 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

LXIII/ 112, 2009, Heft 4

Anne Dreesbach: Gezähmte Wilde.

Die Zurschaustellung»> exotischer Glossar ::: zum Glossareintrag  exotischer<< Menschen in Deutschland 1870-1940.Frankfurt/ New York: Campus Verlag 2005, 372 Seiten, 11 s/ w- Abb.

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Mit so genannten» Völkerausstellungen«<- also jenen Zurschaustellungenvon als>> exotisch Glossar ::: zum Glossareintrag  exotisch«< wahrgenommenen Menschen aus vorwiegend außer-europäischen Gesellschaften, wie sie im 19. Jahrhundert populär wur-hat sich mittlerweile eine ganze Reihe von WissenschafterInnen,hauptsächlich EthnologInnen, beschäftigt. Lag bei der Auseinanderset-zung letzterer hauptsächlich der Zusammenhang mit der eigenen Fach-geschichte im Fokus, so liefert nun die Historikerin Anne Dreesbach mitihrer Dissertation über» Gezähmte Wilde. Die Zurschaustellung> exo-tischer Glossar ::: zum Glossareintrag tischer Menschen in Deutschland 1870-1940« einen groß angelegtenVersuch,» alle Facetten des Phänomens aufzuzeigen«( S. 10). In der Tatentwirft die Autorin auf breiter Quellenbasis ein vielfältiges Bild dieser( im zeitgenössischen Diskurs bevorzugt» Völkerausstellungen<< oderauch>> ethnographische« bzw.» ethnologische Ausstellungen«< genannten)Schauen, die insbesondere im auslaufenden 19., aber noch weit bis ins 20.Jahrhundert hinein massenhaft Publikum anzogen. Gerade den kommer-ziellen Aspekt derartiger Völkerschau- Unternehmen betont Deesenbachdurchgängig: Zwar auch( bzw. vorgeblich) zum Zwecke der» Belehrung<<,viel mehr aber der Unterhaltung( womit sich schließlich viel Geld verdie-nen lieẞ) wurden» fremde<< Menschen zur Schau gestellt, und auch vieleder Orte der Vorführungen verweisen auf diesen kommerziellen Kon-text: Zoologische Gärten, Jahrmärkte, Volksfeste, Zirkus, Panoptiken,daneben auch Gewerbe- und allerlei andere Ausstellungen, bei welchendie>> Fremden<<» als exotisches Glossar ::: zum Glossareintrag  exotisches Beiwerk«( S. 11) dienten.

Ähnlich wie in einem großen Teil der damaligen völkerkundlichenLiteratur artikulierte sich in den Völkerschauen der Blick der sich als zi-vilisiert wähnenden auf vermeintlich» wilde« Menschen, die in einer ArtUrsprünglichkeit fortlebten und den» Zivilisierten«< somit eine Vorstel-lung früherer>> Kulturstufen« vermitteln konnten. Doch während die sichsukzessive verwissenschaftlichende Völkerkunde eine vergleichsweisekleine interessierte Leserschaft fand, scheint das Format der Völkerschauein wahrhaftes Massenmedium gewesen zu sein: Anne Dreesbach be-richtet für den Zeitraum 1875 bis 1930 von» etwa 400 Gruppen« vonMenschen, die deutschlandweit ausgestellt wurden, häufig» an jeweilszehn bis zwanzig Gastspielorten«( S. 79). Dass diese Schauen ausgespro-