Literatur der Volkskunde
Bernd Wagner: Fürstenhof und Bürgergesellschaft.
Zur Entstehung, Entwicklung und Legitimation von Kulturpolitik.Bonn: Kulturpolitische Gesellschaft; Essen: Klartext Verl. 2009,500 Seiten, 12 Tabellen.
Machiavelli lobt die deutschen Städte: Sie haben» große Freiheit undwenig Landgebiet, sie gehorchen dem Kaiser, soweit sie wollen, undfürchten sich vor keinem Nachbar<, da sie stark befestigt sind und überhinreichendes Geschütz und in den öffentlichen Speichern über genü-gend Lebensmittel und Brennholz verfügen. › Zudem vermögen sie demkleinen Volke ohne Schaden für das Gemeinwohl seinen Unterhalt zusichern, indem sie ihm für ein Jahr Arbeit in den Gewerben geben, dieden Lebensnerv der Stadt bilden und von denen das Volk lebt. Auch hal-ten sie die Kriegsübungen in Ehren und besitzen mancherlei Einrichtun-gen, um die Lust daran zu erhalten««<( zit. Wagner S. 100). Das Zitat einersolchen Passage, in der Machiavelli das Geheimnis der Lebenskraft derfrüheren Städte enthüllt, lohnt das genaue Lesen dieses Buches. Die Ver-bindung von Nutzen und Vergnügen bei der Überlebenssicherung gehörtzur Legitimation der kulturellen Einrichtungen der Städte. Sie sind nebenden Fürstenhäusern Träger der Kulturpolitik, und an dieser Zweigliede-rung entlang entwickelt der Autor für die frühe Neuzeit Geschichte undTheorien der Kulturpolitik: Gemeint sind damit jene Superstrukturen,die sich neben dem kulturellen Leben( dem Kulturprozess) in den sozi-alen Einheiten entwickeln, es durchdringen, fördernd reglementieren:Staatlich- herrschaftlicher Einfluss auf den Kulturprozess, geprägt von dendominierenden Wertvorstellungen in einer Gesellschaft, gleichzeitig prä-gend, aber nicht allmächtig. Bürgergesellschaft, wie sie im Titel genanntist, umfasst dabei die vom städtischen Herrschaftssystem des Patriziats( das ja mit Demokratie wenig, eher mit Republik der Privilegierten etwaszu tun hat) top down betriebenen Vorkehrungen und unterhaltenen Ein-richtungen. Sie sind das Thema von Bernd Wagners Werk.
Aber es gibt( auch in den Fürstenstädten und Metropolen) die meistunter Aufsicht der städtischen Behörden und oft genug im Konflikt mitihnen existierenden» zivilgesellschaftlichen« Assoziationen der Stadtbür-ger: Zünfte, religiöse und weltliche Bruderschaften, Kongregationen vonAltersgruppen, später von Vereinen und Festgesellschaften usf. einvielfältiges Netzwerk, dem das sozialkulturelle Leben der Städte zu ver-danken ist. Dazu gehört auch der religiöse Bereich, wo populäre Religi-
541