Reinhard Bodner
Die Trachten bilden
Sammeln, Ausstellen und Erneuernam Tiroler Volkskunstmuseum undbei Gertrud Pesendorfer( bis 1938)
Der Beitrag diskutiert den Übergang von der Trachtenerhaltung zur Trachtenerneuerungin Tirol seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Den Ausgangspunkt dafür bildet dasTiroler Volkskunstmuseum in Innsbruck.
Mit den wechselnden Museumskonzeptionen korrespondierten im Zeitraum zwischender Museumsgründung 1888 und dem„ Anschluss" Österreichs an Hitlerdeutschland1938 verschiedene„ Objektversionen" von„ Tracht".„ Tracht" kommt im Beitrag u.a. alsfragwürdiges kunstgewerbliches Vorbild, als Antiquität,„ nationales Monument" undTourismuswerbung, als potentielles Objekt innerhalb von Museums- und Ausstellungs-plänen oder als Leihkostüm und Nähvorlage in den Blick. In der Zwischenkriegszeitübernahm Gertrud Pesendorfer( 1895-1982) die Verantwortung für„ Tracht" am Museum.Bekannt ist sie heute v.a. aufgrund ihrer Rolle in der Trachtenerneuerung der NS- Zeit.Der Beitrag arbeitet heraus, wie„ Tracht" aus Wechselwirkungen von Denkweisen und mate-riellen Praktiken und in Verbindung zu ökonomischen und politischen Interessen hervor-gebracht wurde. Besonders betont wird die visuelle Dimension des Themas im Verhältniszur Etablierung des Museums als„ Trachten"-Bildungsstätte.
Prolog: Luzifer und die Lechtalerin'
Bevor BesucherInnen ihren Gang durch das Tiroler Volkskunstmuseumin Innsbruck antreten, stellt sich ihnen seit dessen Neueröffnung 2009eine mehr als lebensgroße Figurine in den Weg. Inmitten einer scheinbarungeordneten, an einen Speicher, Keller oder Dachboden erinnerndenAnhäufung von Kunst und Krempel soll der Luzifer aus dem Nikolaus-spiel von Stumm im Zillertal erschrecken und faszinieren, vor allem aber
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Die Idee zu diesem Beitrag entstand im Austausch mit Simone Egger, der ich dafürherzlich danke. Für Kritik, Anregungen und wichtige Anstöße danke ich TimoHeimerdinger, Katharina Eisch- Angus, Karl C. Berger, Ursula Marinelli, KonradKuhn und Magdalena Puchberger.