Norbert Schindler
Ein bäuerlicher Münchhausen?Die Memoiren des Zillertaler, Hoftirolers' Peter Prosch( 1789)
Die Autobiographie des Zillertaler Hoftirolers Peter Prosch von 1789 gab mit ihrerDurchmischung von Fakten und Fiktionen frühneuzeitlichen Selbstzeugnis- Historikerneinige Rätsel auf. Der Beitrag versucht die spezifische Erzählhaltung dieses spätenHofnarren aus seiner vita zu rekonstruieren und seine merkwürdige Begegnung mit derKaiserin Maria Theresia im Oktober 1757 erzähl- wie auch sozialhistorisch zu reinterpre-tieren. Es zeigt sich dabei, dass dieser außergewöhnliche Transfer zwischen populärerund höfischer Kultur keine Routineangelegenheit, sondern ein komplexes Spiel mit den( falschen) Vorstellungen war, die man voneinander hegte- ein beiderseits folkloristischgebrochener Auftritt.
Das Zillertal fräst sich mit der Figur der fünf Finger einer gebietendenHand geradezu in die abweisende Hochgebirgswelt hinein. Nur etwa 10%seiner Fläche waren in der frühen Neuzeit Dauersiedlungsraum, allesandere Wildnis. Während der Talgrund zwischen Jenbach und Mayr-hofen sich lediglich zwischen 520-620 m bewegt, also alle landwirtschaft-lichen Nutzungsformen zuließ und zudem frühindustriell durchsetzt war,liegen Gerlos und seine Weiler( 1268 m) auf einem ausgedehnten, sichgegen den gleichnamigen Pass hinziehenden Hochplateau, das nur mehralpwirtschaftliche Nutzung erlaubte.' Was sich heute als touristischeHochburg mit astronomisch anmutenden Übernachtungszahlen präsen-tiert, war damals eine ausgesprochene soziale Problemzone: Das Ziller-tal gehörte mit seinen knapp 20.000 Einwohnern zu den am stärkstenübervölkerten Tälern der Ostalpen, ² und sein„ Regionalcharakter" war
1 Es handelt sich also um die üblichen Kulturstufen der nordalpinen Agrarwirtschaft.Vgl. Werner Bätzing: Die Alpen. Geschichte und Zukunft einer europäischenKulturlandschaft. München 2003, 2. Auflage, S. 79-88.
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Marianne Zörner: Die Besitzstruktur der Nordtiroler Dörfer und ihre Veränderungvom 17. bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Innsbruck 1988.