Kunst oder Ethnographie?Ethnographische Sammlung undRepräsentation im Weltmuseum
Christian Schicklgruber, seit 1.1.2018 Direktor des Weltmuseum Wien,im Gespräch mit Brigitta Schmidt- Lauber, Professorin für EuropäischeEthnologie an der Universität Wien, transkribiert von Caro Böhm
BSL: Das Weltmuseum hat letztes Jahr nach einer dreijährigen Schließ-phase erstmals die Tore wieder geöffnet. Sie haben hierzu einenneuen Namen für das Museum gewählt, nicht mehr Völkerkunde-museum, sondern Weltmuseum. Was sind die Ziele und Aufgabeneines Weltmuseums?
CS: Mit der Namensänderung weg vom Begriff Völkerkunde sind wireuropaweit nicht die Einzigen. Nach vielen Namensfragen steht aktu-ell noch Hamburg kurz vor der Umbenennung. Es gibt insgesamt zweiMöglichkeiten: Entweder füllt man den Begriff Völkerkunde mit neuerBedeutung. Das wäre ein Weg gewesen, den nur Zürich und Leidenbeschreiten. Oder man benennt sich um. Die Umbenennung macht Sinn,weil der Begriff Völkerkunde stark assoziiert ist mit dem Begriff Volk.Letztendlich sind Museen für Völkerkunde lange Zeit„ Hurenkinder desKolonialismus“ gewesen. Europäer haben die„ Anderen" als wilde, primi-tive Glossar ::: zum Glossareintrag tive Barbaren Glossar ::: zum Glossareintrag Barbaren präsentiert und gleichzeitig damit auch legitimiert, dass mandiese Gruppen ökonomisch ausbeuten konnte und ihnen„ die Kultur" undMissionierung brachte. Von dieser Konnotation wollten wir weg. DerBegriff Weltmuseum kann alles und nichts bedeuten und ist auch deshalbso breit gewählt, weil er uns letztendlich erlaubt, das zu tun, was wir wol-len. Also dass wir nicht an dieser Präsentation von„ Völkern" hängenblei-ben, was man in solchen Museen ja lange geglaubt hat, leisten zu könnenund zu müssen. Doch: Ein Volk in seiner Gesamtheit zu präsentierenoder zu erklären, das funktioniert einfach nicht. Was wir- wie vieleandere ehemalige Völkerkundemuseen stattdessen machen, ist, dasswir kleine Aspekte von Kulturen darstellen und uns von dem Anspruchverabschieden,„ Afrika“,„ China" oder„ den Buddhismus“ erklären zukönnen. Vielmehr versuchen wir, dass sich die kleinen Mosaiksteinchen