Frank Sysyn und Matthias Kaltenbrunner
Vom Bojkenland nach Basel: Der Brief-wechsel zwischen Mychajlo Zubryc❜kyjund Eduard Hoffmann- Krayer, 1910–1912Ein galizischer Dorfpriester und seinewissenschaftlichen Netzwerke
Dieser Artikel widmet sich der Praxis der ethnografischen Forschung zu Beginn des20. Jahrhunderts am Beispiel des Bojkenlandes, einer Region in den Karpaten, die bis 1918zum habsburgischen Kronland Galizien gehörte und heute in Polen und der Ukraine liegt.Im Zentrum der Analyse steht der Briefwechsel zwischen dem ukrainischen DorfpriesterMychajlo Zubryc'kyj( 1856-1919) und dem Schweizer Volkskundler Eduard Hoffmann-Krayer( 1864-1936), der im Rahmen dieses Artikels auch erstmals editiert wird.
Einleitung: Das Österreichische Volkskundemuseum und die Bojken
Die BewohnerInnen der ukrainischen Karpaten rückten Ende des 19. Jahr-hunderts immer stärker in den Fokus europäischer Ethnografien, allenvoran in der Habsburgermonarchie, zu der diese Region von 1772 bis 1918gehörte. Dabei waren es vor allem die Gruppen der Huzulen und – ingeringerem Maße die Lemken und die Bojken, die nicht nur wissen-schaftliches Interesse hervorriefen, sondern die sich auch hervorragend fürromantisierende Projektionen jeder Art eigneten: Sie galten zum einenals besonders urwüchsige, ja primitive Glossar ::: zum Glossareintrag primitive„ Bergvölker", während ihnen zumanderen eine besonders reiche Folklore zugeschrieben wurde. Dies spie-gelt sich in der ukrainischen und polnischen, aber auch in der deutschspra-chigen Literatur wider, welche diesen beiden Gruppen zu überregionalerBekanntheit verhalf. Gleichzeitig kam es zu einem verstärkten Interesse
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Vgl. Alois Woldan: Die Huzulen in der Literatur. In: Veronika Plöckinger, MatthiasBeitl, Ulrich Gottke- Krogmann( Hg.): Galizien. Ethnographische Erkundung bei denBoiken und Huzulen in den Karpaten. Begleitbuch zur Jahresausstellung 1998 desEthnographischen Museums Schloss Kittsee( Burgenland). Wien 1998, S. 151–165.