Jahrgang 
121 (2018) / N.S. 72
Seite
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Literatur der Volkskunde

Barbara Sieferle: Zu Fuß nach Mariazell.

Ethnographie über die Körperlichkeit des Pilgerns

(= Innsbrucker Schriften zur Europäischen Ethnologie undKulturanalyse, Bd. 4). Münster/ New York: Waxmann 2017, 300 Seiten.

Im Rahmen ihrer Dissertation hat sich Barbara Sieferle einem Phänomenangenähert, dass sich seit den 1980er- Jahren im Spektrum von( popularer)Religiosität über Tourismus bis zu sportlichen Betätigungen und optimie-rungsaffinen Selbstachtsamkeitskonzepten einer steigenden Beliebtheiterfreut. Das Pilgern der Gegenwart bleibt dabei nicht auf eine bestimmtekonfessionelle Gruppe oder ein soziales Milieu beschränkt. Folglich stelltes einen spannungsreichen Kulturkomplex dar, in welchem die unter-schiedlichen und nicht selten auch entgegengesetzten Bedürfnisse undBefindlichkeiten einer individualisierten Gesellschaft zutage treten.

Um dieses vielschichtige Bedeutungsgewirr beschreiben, einordnenund einer kulturanthropologischen Deutung zugänglich machen zu kön-nen, hat sich die Autorin auf die subjektiven Erfahrungen der involviertenMenschen konzentriert und hier im Besonderen auf die Dimensionender sinnlichen Wahrnehmung sowie des praktischen Vollzugs- mit allseinen kleinen und größeren Unwägbarkeiten. Das der Arbeit zugrunde-liegende empirische Material wurde während der aktiven Teilnahme anorganisierten Pilgerwanderungen in den Sommern 2013 und 2014 zumund am Wallfahrtsort Mariazell gesammelt. Dabei ist das Wort aktiv"durchaus wörtlich zu nehmen, da sich die Autorin nicht auf Interviewsmit Akteurinnen und Akteuren beschränkt, sondern an mehreren Reisenselbst partizipiert hat.

Das Prozessuale des Themas bildet sich bereits im Aufbau der Arbeitab. Kleinschrittig- aber nicht kleinteilig werden die Leserinnen undLeser an das Sujet herangeführt. Letztlich trägt diese Architektur derinduktiven Herangehensweise des Projekts Rechnung, hat sich die zent-rale Forschungsfrage doch aus( mehr oder weniger irritierenden) Begeg-nungen im Alltag der Autorin ergeben. Dass schon in den einleitendenKapiteln erste Erfahrungen aus der Feldforschung eingestreut werden,mag vor dem Hintergrund noch rudimentärer bzw. fehlender biographi-scher oder situationsbezogener Kontexte womöglich nicht jedem gefallen.Allerdings hat dieser Kniff den durchaus begrüßenswerten Effekt, dassdie theoretischen Ausführungen nie im luftleeren Raum stehen. UnterRekurs auf die Feld- Realitäten wird plastisch exemplifiziert, wie Theo-

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