Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde29 (1924) / Wiener Zeitschrift für Volkskunde

  
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29 (1924) / Wiener Zeitschrift für Volkskunde
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Die Tradition der Hörneramulette scheint sehr weit zurückzureichen,denn schon unter den kretischen Funden sind kleine Hörneramulette ausBronzeblech aufgedeckt worden ¹)

Wenn wir das in diesem Abschnitt bisher Gesagte kurz zusammen-fassen, so sehen wir, daß die schematischen Nachbildungen des Gehörns, diein Bezug auf ihre Form durchaus an unsere primitiven Glossar ::: zum Glossareintrag  primitiven alpinen Spielzeugtiereerinnern, aller Wahrscheinlichkeit nach kultischen Zwecken gedient haben.Betrachten wir nun die geschilderten Spielzeugtiere, so läßt sich ihreganz schemenhafte, hauptsächlich auf Nachbildung des Gehörns beschränkte,Form kaum dem Unvermögen zuschreiben, das Tier realistisch darzustellen,denn Nachahmungen der Naturformen lassen sich auf der tiefsten Stufe dermenschlichen Kultur nachweisen. Sollte also der kulturell hochstehendeSchweizer oder Piemonteser Bauer nicht das Minimum einer naturgetreuenTierdarstellung aufbieten können?

Es dürfte sich somit bei der von der Natur durchaus abgekehrten Dar-stellung der Spielzeugtiere kaum um Mangel an technischem Vermögen handeln.Vielmehr scheinen diesen Spielzeugtieren uralte Traditionen zugrunde zuliegen.Wir konnten ja bereits die auffallende Ähnlichkeit feststellen, die inBezug auf äußerliche Form zwischen den schematischen Spielzeugtieren undden prähistorischen, zeichnerisch dargestellten Rinderschemen, beziehungsweiseden vorhin besprochenen Kultobjekten besteht.

Unwillkürlich taucht nun die Frage auf, ob auch inhaltliche Beziehungenzwischen den vorgeschichtlichen, beziehungsweise frühgeschichtlichen, denkultischen Zwecken dienenden Nachbildungen des Gehörns und jenen, dieheute in den Alpen als Spielzeugtiere verwendet werden, bestehen könnten?Genauer gesprochen, ob wir in unseren schematischen Spielzeugtieren Überrestealter kultischer Gegenstände( vielleicht der Amulette?) erblicken dürften?

Diese Frage kann heute nur angeregt werden, denn zu ihrer Beantwortungfehlen uns leider sichere Anhaltspunkte Vielleicht bleibt es der Zukunftvorbehalten, ein Streiflicht auf dieses recht anziehende Problem zu werfen.

Tafelerklärung.

Fig. 1. Kuh aus gegabeltem Aststück, mit Kerbschnitt verziert. Evolena,Wallis.( nat. Gr.)

Fig. 2. Kuh, wie oben; die Bauchfläche der Kuh ist mit spitzen Nägelnbeschlagen. Wiesen, Graubünden.( ½ nat. Gr.)

Fig. 3. Kuh aus unbearbeitetem Zweigstück von Alpenrosenholz.Aostatal, Piemont.( nat. Gr.)

Fig. 4. Kuh aus gegabeltem Aststück, mit Kerbschnitt verziert.Aostatal, Piemont.( ½ nat. Gr.)

Fig. 5. Ochs aus einem gegabelten Aststück, mit Kerbschnitt verziert.Jakutenland, Sibirien. Zit. nach W. Sieroszewski, Zwölf Jahre im Landeder Jakuten, 1900, S. 314, Fig. 139.

Fig. 6. Ziege aus gegabeltem Aststüek. Jaun, Kanton Freiburg.( 12 nat. Gr.)

1) Scheftelowitz, op. cit. S. 475