180
Kleine Mittheilungen.
staunenerregende und auf den Menschengeist so mächtig einwirkende Momente wie die ihre. Wiemag vor Freude das Herz des Bergmannes nicht schlagen, wenn er nach wochen- und monate-langer nutzloser Arbeit eine reiche Silberader im tauben Gesteine entdeckt! Mit welchem Staunenund mit welch' stiller Bewunderung mag er nicht vor der geöffneten Krystallhöhle stehen, ausder von den Amethyst- oder Bergkrystalldrusen tausendfach gebrochen in ungeahnter Farbenprachtder Lichtschein seines Grubenlämpchens widerstrahlt! Mag da der Bergmann nicht durch diesenfeenhaften Anblick auf den Gedanken verfallen, dass dieser Krystallpalast ein Wohnsitz eineshöher stehenden Wesens gewesen sei? Mag er da nicht glauben, wenn noch dazu die Schlägeseines Hammers dumpf, geheimnisvoll und verstärkt durch eine andere nahe Höhle im Felsenwiderhallen, dass er den Bewohner, der vielleicht auch der Herr dieses Felsens ist, vertrieben,und dass derselbe nun tiefer im Innern an seinem neuen Wohnsitze arbeite? Gewiss wird seineEinbildungskraft ein solches übersinnliches Wesen schaffen, von dessen Existenz er durch vieleandere unbegreifliche Ereignisse und Erscheinungen so vollkommen überzeugt zu sein glaubt, dasser mit Leib und Seele dafür einstünde. Abhängig von stärkeren Naturgewalten, für welche erin den meisten Fällen nicht das geringste Verständnis besitzt, und die sich auch nicht so leichterklären lassen, muss er sich immer höher stehenden Mächten unterthänig fühlen, denen er sichzu entziehen wünscht. Hier gilt das Wort des Dichters:
<< Wer sie nicht kennte,
Die Elemente,
Ihre Kraft
Und Eigenschaft,
Wäre kein Meister
Über die Geister.>>
Todtendichtung.
Von Josef Schwarzbach, St. Georgen bei Oberdorf, Salzburg.I.
Im 5. und 6. Hefte des Jahrg. I der« Zeitschrift für österreichische Volkskunde», 1895,waren Friedhofverse veröffentlicht, und es wurde dabei der Hoffnung Ausdruck gegeben, es möchteeine umfassende Sammlung salzburgischer Friedhofverse zustande kommen. Gewiss wäre dasschön, und wenn sich in jedem Orte eine Persönlichkeit finden ließe, die die geringe Mühe aufsich nähme, so ließe sich die Aufgabe auch bald lösen.
Ich erlaube mir heute auf einen andern Zweig der Todtendichtung hinzuweisen, auf diesogenannten«< Sterbeandenken», kurzweg« Sterbbildl» genannt. Es sind schwarzgeränderteBilder, die auf der Rückseite Namen und Todesdatum des Verstorbenen sammt einem frommenSpruche tragen. Die modernisierende Zeit führt auch über diese Sprüche zumeist schon Richtmaßund Skansion, doch lässt sich noch da und dort ein urwüchsiger Strahl Volkspoesie auffangen.Als ich meine Absicht, solche Sprüche zu sammeln, hatte laut werden lassen, wurde mirvon befreundeter Seite eine Sammlung von 200 Sterbeandenken zur Verfügung gestellt.
Die Bilder enthalten verschiedene Darstellungen, auch solche in Farbendruck, wie denTodesengel, der das Kind zur ewigen Heimat trägt, oder jenen, der mit weißen Rosen denschlafenden Knaben am Sockel des mondbeglänzten Marmordenkmals schmückt. Zumeist jedochsind es einfachere Holzschnitte mit Christus- oder Heiligenbildern, einer Mutter Gottes oder demblumengeschmückten Kreuze.
Von den 200 Sprüchen theile ich im folgenden einige mit. Sie stammen aus St. Georgenbei Oberndorf im Salzburgischen und seiner Umgebung. Die Sprüche wiederholen sich auf ver-
schiedenen Blättern öfters.
1. Meine Kinder muss ich verlassen,
Weil ich sie nicht mehr sehen kann.Ich werde reisen die Himmelsstraßen,Denn dort bekomm' ich meinen Lobn.Ja, es muss ein jeder sterben,
Wie die Blume auf dem Feld,Er mag sein arm oder reich,Dort bei Gott sind alle gleich.Ich bitte jeden um ein GebetDer an meinem Grabe steht.