Die Kindergräber von Ottensheim.
Die Kindergräber von Ottensheim.
Von Dr. Arthur Petak, Linz.
107
Von Oberösterreichs Hauptstadt zwei Wegstunden an der Donauhinauf liegt Ottensheim. Die Häuser des ziemlich alten Marktes stehenhart am Ufer und hinter ihnen steigt ein fast steiler Hügel auf, dessenSpitze gekrönt ist durch das weithin sichtbare Wahrzeichen von Ottens-heim, ein ansehnliches Schloss. Und da droben hinter dem Schlossgartenliegt dann der Friedhof von Ottensheim, nach schlechter alter Sitte höherals der ganze Ort und so das Trinkwasser verseuchend.
Auf diesem Friedhof ist der Kinderwelt ein besonderer Bezirkzugewiesen. Doch nicht nur örtlich, auch formell sind die Kindergräbervon den übrigen Ruhestätten unterschieden; sie allein nämlich tragenGrabinschriften. Ganz vereinzelt zeigen wohl auch andere Gräber eineInschrift; so das Grab einer alten Frau:
Soll ich heute noch abscheiden
Und verlassen diese Welt,
Herr, das überlass ich Dir;
Wie Du willst, geschehe mir,
Dein bin ich mit Leib und Seele,
Dir, o Herr, ich mich befehle. ¹)
oder ein anderes Grab den inhaltsschweren Spruch:
Klagt um die Trauernden,
Nicht um die Todten.
Die Kindergräber hingegen zeigen fast ohne Ausnahme Grabverse.Die Art und Weise, wie diese Verse angebracht sind, weicht wesentlichvon der salzburgischen Eigenthümlichkeit ab.( Vgl. Band I dieser Zeit-schrift 1895, Seite 138). Bretter am Grabhügel, welche mit Inschriftenversehen wären, sind ganz fremd; alles, Daten und Verse, steht aufdem Grabkreuz.
Dieses selbst hat eine typische Form zum Theil auch beianderen Gräbern im Gebrauche ein Holzkreuz am Kopfende desGrabes mit einem Christusbild auf der dem Grabe zugewendeten Seite,das Bild durchbohrt von zwei Pfeilen; darüber dann eine Art Dach, ge-bildet aus zwei die Spitzen des Kreuzes verbindenden Brettchen.
Auf der Aversseite, also gewissermaßen versteckt, ist an demSchnittpunkte der Kreuzesarme und der Pfeile ein ovales Täfelchen ausBlech angebracht. Durch zwei Striche wird dasselbe in drei Rubrikengetheilt; in der obersten steht mit usueller Einleitung der Name desKindes; die mittlere enthält die Geburts- und Todesdaten, die unteresodann den Grabvers.
1) Wo nicht volksthümliche Sprache oder Dialekteigenthümlichkeiten, sondern sinnfälligeIrrthümer vorlagen, habe ich hier wie im Folgenden meist auf eine Wiedergabe der entstelltenFormen verzichtet, ebenso oft Interpunctionen hinzugesetzt, die man nicht immer auf den Original-tafeln vermuthen darf. Auch die Abtheilung der Verse ist oft schlecht, sei esaus Miss-verständnis des Handwerkers, sei es wegen räumlicher Verhältnisse; auch da waren Correcturenselbstverständlich.