Aufsatz in einer Zeitschrift 
„Der Sehnsuchtsschrei nach Freiheit“ : Erich Nachtmanns Erinnerungen an Albanien
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

Band LVI/ 105, Wien 2002, 251–278

,, Der Sehnsuchtsschrei nach Freiheit"Erich Nachtmanns Erinnerungen an Albanien

Helmut Eberhart

1916 bis 1918 besetzte Österreich- Ungarn weite Teile Alba-niens. Erich Nachtmann war als junger Offizier Teilnehmerdieses Feldzuges und verfasste zu Beginn des Jahres 1921 einmehrseitiges Manuskript, in dem er seine Erinnerungen nie-derschrieb. Dieser spontane Text ist als Beispiel für Kriegs-darstellungen ,, von unten" interessant und zeichnet mit seinenzahlreichen Stereotypen ein Bild Albaniens, das nicht zuletztdurch die Kriegsteilnahme vieler Österreicher in Mitteleuropavorherrscht. Somit kann dieser Erlebnisbericht auch als Mo-saikstein für eine Geschichtsschreibung Albaniens gelten, dienicht von Wissenschaftlern oder Literaten verfasst wurde.

Prolog

Im Sommer 1993 verbrachte ich mit einer Gruppe von Volkskundlernund Historikern einige Wochen zur Feldforschung in den Bergennördlich von Shkodër.' In den folgenden Monaten und Jahren hieltich über dieses Forschungsprojekt eine Reihe von Vorträgen, so auch1994 auf Einladung des Salzburger Landesinstituts für Volkskunde.Nach dem Vortrag sprach mich eine Zuhörerin an und teilte mir mit,dass ihr Vater Erich Nachtmann als junger Offizier im Ersten Welt-krieg in Albanien gedient hatte und darüber einen kurzen handschrift-lichen Bericht hinterließ. Sie sandte mir diesen Bericht bald danachin Kopie zu; er blieb zunächst mehr oder weniger unbeachtet beimeinen Albanien- Aufzeichnungen liegen. Die Einladung zur Mitar-

1 Vgl. dazu die veröffentlichten Forschungsergebnisse: Eberhart, Helmut, KarlKaser( Hg.): Albanien. Stammesleben zwischen Tradition und Moderne. Wien1995.

2 Mein Dank gilt in diesem Zusammenhang Frau Sylvia Nachtmann, die mir nichtnur den Bericht zusandte, sondern mir auch zahlreiches Material aus demNachlass ihres Vaters zur Verfügung stellte. Dies war für die entsprechendeKontextualisierung der Aufzeichnungen unerlässlich.