Berichte und Besprechungen105BERICHT ZURTagung Körperlichkeit und Materialität in der Arbeitswelt,21. Tagung der DGEKW-Kommission Arbeitskulturen,Universität Marburg, 19.–20. Februar 2025„Die ‚Körper‘-Begeisterung zeugt von der Sehnsucht nach etwas Rea-lem. Zugleich aber verschwindet etwas ‚Wirkliches‘, wenn der ‚Körper‘zu einem Anhängsel wird in Studien zu Bevölkerungspolitik, Phar-maindustrie, Gesundheitspolitik, Kolonialismus, Arbeitsmarkt[...].“1Schon im Jahr 2000 diagnostizierte Barbara Duden ein verstärktesakademisches Interesse an Konzepten wie Körper, Körperlichkeit oderEmbodiment. Angesichts zunehmend technisierter Arbeitsbedingun-gen einer oft als entkörperlicht konzipierten Wissensökonomie büßenderartige Ansätze auch in der Arbeitskulturforschung nicht an Aktuali-tät ein. Körper und Körperlichkeit war mehr als nur das von Dudenmonierte Anhängsel, sondern standen im Fokus der 21. Tagung derDGEKW-Kommission Arbeitskulturen. Neben der Materialität desArbeitskörpers standen dabei auch somatische Erfahrungen in unter-schiedlichen Arbeits- und Forschungskontexten im Zentrum.Der erste Tagungstag wurde durch den Vortrag des Gast-gebersManfred Seifert(Institut für Empirische Kulturwissenschaft,Marburg) eröffnet. In Anknüpfung an Matthew B. Crawfords kapita -lismuskritische PublikationIch schraube, also bin ich2beleuchtete er diesinnstiftenden Potentiale einer produktiven Auseinandersetzung mitder materiellen Welt durch aktives Tun. In der neoliberalen Gesell-schaft scheinen wir als Konsumierende zwar vordergründig von derErzeugung von Produkten enthoben, in Wahrheit aber würden wir deruns inhärenten Fähigkeit, gestalterisch tätig zu sein, durch aufoktroy-ierte Marktlogiken entmündigt. Demgegenüber beruhten handwerk-liche Tätigkeiten auf einer Erfahrungsdimension manueller Arbeit, zuder jede:r in der Lage sei. Ein fehlgeleiteter Qualitätsanspruch von1Barbara Duden: Body Traces ‒ Auf den Spuren des Körpers in einertechnogenen Welt. In: Aylâ Neusel(Hg.): Die eigene Hochschule(= Schriftenreihe der Internationalen Frauenuniversität Technik undKultur 1). Wiesbaden 2000, S. 127–133, hier S. 129.2Matthew B. Crawford: Ich schraube, also bin ich. Vom Glück, etwasmit den eigenen Händen zu schaffen. Berlin 2010.